Redaktionell

Warum Science Fiction? #2

Sinn und Zweck. Ein Begriffspaar, das ich gerne auf die Science Fiction anwenden möchte. Denn sie ist, nach wie vor und trotz einiger Verbesserungen, ein unterschätztes Genre.

Science Fiction als Inspiration

MetropolisFilmposter
Frühe SciFi: Metropolis

Hornbrille, Pickel und Captain Kirk – nicht wenige Synapsen in nicht wenigen Gehirnen sind so verschaltet, dass diese drei Elemente in Relation zueinander gesetzt werden. Von Literaturkritikern wird die Gattung der „Science Fiction“ gerne belächelt. Sie erscheint nur in den seltensten Fällen als literarisch wertvoll und ist – zugegeben! – oft nur Ausdruck einer übermächtigen Fantasie ihres Schriftstellers. Anders als die Feuilleton-Lieblinge dreht sich in entsprechenden Geschichten viel weniger um die Kunst Worte artgerecht zu halten, sondern vielmehr darum einen Blick dorthin zu werfen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. In die Zukunft.

Damit wir den Unterschied zwischen einem Douglas Adams und einem Stephen Baxter verstehen, müssen wir uns erst vor Augen führen, dass Romane nicht nur Sinn ergeben können, sondern vielmehr in den meisten Fällen auch noch einem Zweck dienen. Was Jane Austen schrieb war nicht einfach nur eine leidlich gute Story rund um eine unterprivilegierte Privilegierte. Sie schreibt über das Leben als Frau in einer Zeit, in der es nicht ratsam war ein solches zu führen (Jaja, ich weiß. Als ob man wählen hätte können). Das Buch ergibt insofern Sinn, als dass sämtliche Wendungen, Handlungsstränge und Erzählelemente durchwegs gut konstruiert oder gewählt sind. Es ist vielleicht nicht die spannendste Lektüre aller Zeiten – aber sie kann das Leben und das Verständnis bereichern. Der Zweck, den Austen damit verfolgt, ist also Verständnis für eine Personengruppe zu erzeugen.

Man kann lernen den Sinn in einem Buch zu erfassen und den Zweck zu erkennen. Literaturtheoretiker mögen diese beiden Begriffe vielleicht so nicht verwenden – aber für meine Zwecke reichen sie aus. Ich werde sie also weiter verwenden. Und jetzt möchte ich zeigen, dass Douglas Adams Science Fiction zum Vergnügen schreibt, Stephen Baxters Bücher aber eindeutig einem Zweck dienen, der sich nicht in „macht Spaß“ erschöpft. Denn das Vergnügen allein reicht mir nicht, um einem Buch einen Zweck zu unterstellen.

Der Witz daran und das Abenteuer

Film-Adaption eines Douglas Adams-Klassikers
Film-Adaption eines Douglas Adams-Klassikers

Bleiben wir noch kurz bei Douglas Adams. Wer „Per Anhalter durch die Galaxis“ noch nicht gelesen hat, der weist eine Bildungslücke auf. Die völlig abgedrehte Geschichte rund um einen Erdenbewohner, der als einer von nur zwei Menschen die Zerstörung des Planeten überlebt, hat ihren Kultstatus wirklich verdient. Es beginnt schon damit, dass uns Adams hier einen typischen Briten, und damit quasi schon automatisch einen Anti-Helden, vorsetzt. Während er Tee-schlürfend die Apokalypse ignoriert (schließlich wird, zeitgleich mit dem von Aliens gestellten, ablaufenden Ultimatum zum Einspruch gegen den „Abriss“ der Erde zu Gunsten eines interstellaren Highways) auch sein Haus von Abrissbaggern bedroht. Sein außerirdischer Freund (bis dahin übrigens ungeoutet) rettet ihn im letzten Augenblick.

Ich will nicht soviel vorgreifen – aber ich darf allen in dieser Hinsicht säumigen verraten, dass diese paar Umstände auf der Leiter der Abstrusität nur die ersten Sprossen darstellen. Das Buch strotzt nur so vor rabenschwarzem Humor. Doch was will uns Adams damit sagen?

Selbstverständlich ließe sich viel in das Buch hineininterpretieren. Das liegt vor allem daran, dass Douglas Adams vielfach unter Beweis gestellt hat wie unglaublich versiert er als Intellektueller mit ausgeprägtem Sinn für Ironie ist. Aber so richtig überzeugend wirkt es nicht, wenn man versucht es als Statement gegen oder für etwas zu lesen. Es unterhält – und enthält sicherlich die eine oder andere Anspielung, über die sich nachdenken ließe. Aber nochmal: Zweck? Bestimmt nicht.

Natürlich ist das nicht auf SciFi beschränkt. Auch „Das Lied von Feuer und Eis“ fällt unter diese Kategorie. Spannend. Unterhaltsam. Umwerfend. Aber ein weiteres Mal: Zweck?

Dem Gegenüber

Ein Stephen Baxter - Roman
Ein Stephen Baxter – Roman

Und jetzt wenden wir uns Stephen Baxter zu. In mancherlei Hinsicht ist er das Gegenteil von Douglas Adams. Damit will ich nicht nur zum Ausdruck bringen, dass ich in seinen Romanen gelegentlich eine Spur Humor vermisse. Aber seine Bücher sind nicht nur von vorne bis hinten durchkonstruiert und durchdacht; sie verfolgen eine klare Absicht. Und diese Absicht (die eben Zweck darstellt) ist auch leicht zu finden: Baxter zeigt uns, zum Beispiel in „Proxima“ eine Welt, in der heutige Gesellschaftsentwürfe logisch weiterentwickelt werden. Skrupellosigkeit, ein augenscheinliches Merkmal unserer unmittelbaren Zukunft wie unserer gesamten Vergangenheit, ist das Leitmotiv der Menschheit, wie Baxter sie porträtiert.

Er wirft also nicht nur einen Blick in die Zukunft. Er lässt uns an seinen Überlegungen teilhaben. „Proxima“ ist der Auftakt zu einer „Alternative-Welten-Geschichte“ von deren Sorte es zweifelsfrei schon viele gibt. Doch nutzt er diese Technik um mehr als nur eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie es mit uns weitergehen könnte. Es sind klare Strukturen, die seinen Überlegungen zu Grunde liegen; nachvollziehbar und gleichsam ein Ausdruck unvorhergesehener Kreativität.

Baxters Geschichten machen also nicht nur Sinn, sie verfolgen auch einen Zweck.

Vergleichbar?

Um die Frage nach der Vergleichbarkeit zu beantworten muss man sich eine andere stellen: Warum lese ich ein bestimmtes Buch? Um mich unterhalten zu lassen? Um etwas über die Gesellschaft zu lernen, in der ich lebe? Um etwas zu haben, dass ich in einer Rezension für meinen Blog verwursten kann?

Vor allem der Ausblick auf eine zukünftige Gesellschaft ist es, der die meisten von uns interessiert, wenn wir SciFi lesen. Nicht nur, weil es spannend ist Entwicklungen aus aktuellen Strömungen vorherzusagen, sondern vielmehr weil sich so viel über letztere sagen lässt. Die Abneigung gegenüber diesem Genre entstammt also hauptsächlich der Annahme, dass Science Fiction dies nur mit wenig geschätzten Mitteln tun zu können. Klar ist, dass sie in dieser Hinsicht eingeschränkt ist: schon alleine um als „Wissenschaftsfiktion“ gelten zu können müssen technologische oder wissenschaftliche Fortschritte im Spiel sein. Ist ein Punkt.

Zumindest kann sie aber potenziell alles, was „normale Literatur“ auch kann. Und sie ist schlimmstenfalls genauso redundant wie die ewigen Themen der von Journalisten durch Rezensionen geadelten belletristischen Werke.

Allerdings ist es auch so, dass die Science Fiction etwas tut, was in anderen Genres weit seltener der Fall ist: Sie inspiriert die leidenschaftlichen Techniker. Eine Sub-Spezies, sozusagen, die sich weit seltener in die Gefilde fiktiver Figuren begibt als das bei anderen Bibliophilen der Fall ist. Nicht, dass jeder Techniker bibliophil wäre – aber genau das ist ja auch der Punkt.

SciFi als Triebfeder technologischer Entwicklungen

Technologie ist in erster Linie dazu da Probleme zu lösen. Das Aquädukt wurde erfunden um Wasser dorthin zu transportieren wo es fehlte. Das Telefon wurde konstruiert um mit Menschen sprechen zu können, die man anders nicht schnell genug erreichen konnte. Computer wurden erfunden um mit ihrer Hilfe Probleme zu lösen, die man ohne sie größtenteils nicht hätte. Aber immer steht das Beheben eines Mangels im Mittelpunkt.

So ist das Ersinnen von Lösungen für derlei Herausforderungen ein zentrales Element im Leben eines Technikers. Und eines SciFi-Autors. Denn wer eine Mannschaft zum Mond schicken möchte, der sollte sich auch überlegen wie sie dahin gekommen ist. Dafür gibt es natürlich viele Wege (Raumschiffe, Transporter-Strahler, Wurmlöcher, Portale, …) – und etliche davon sind schon so häufig beschrieben worden, dass man sich sogar die Mühe gemacht hat sie endlich umzusetzen. Im Fall des Mondes natürlich nur Raumschiffe – aber viele andere technische Entwicklungen fußen ebenfalls auf den Einfällen findiger SciFi-Autoren.

Schiebetüren, zum Beispiel, wurden lange vor ihrer eigentlichen Erfindung in SciFi-Serien gezeigt. Oder Handys. Künstliche Intelligenz wurde lange vor dem Zeitpunkt, an dem wir sie für möglich gehalten haben, beschrieben. Heute ist es vielleicht eines der wichtigsten Themen unserer Zeit (eine Behauptung, die ich an anderer Stelle gerne untermauern werde).

Neben ihrem literarischen Wert kann dieses Genre also, wie kein zweites, unsere Zukunft beeinflussen. Nicht nur, weil es uns die Möglichkeit bietet aktuelle Entwicklungen weiterentwickelt vorgesetzt zu bekommen. Das könnte die „Science Fantasy“ (also eine in der Zukunft handelnde Geschichte bei der keinerlei Überlegung zur Plausibilität der Umsetzung verschiedener technischer oder wissenschaftlicher Fortschritte angestellt wird) auch. Nein. Science Fiction dient oft schon alleine dem Zweck aufzuzeigen, was an Problemen noch gelöst werden könnte – und wirft einen Blick auf wahrscheinliche Lösungen.

Dann ist sie wirklich wertvoll. Und trotzdem sollten wir jetzt alle noch einmal Douglas Adams lesen.

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

2 Comments

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Dein Senf:

  • Douglas Adams … meine Güte, dieses Buch werde ich nie vergessen. Total witzig war zudem, ich hatte mal einen Chef, der LIEBTE dieses Buch und zitierte ständig daraus, egal in welchem Meeting wir waren, er fand immer was passendes … aber seine Lieblingsfrage an alle neuen Kollegen war immer: „Na… was denn eigentlich die Antwort auf alle Fragen?“ … wer sie nicht kannte, erhielt erst mal eine Lektion 😉 😉

    Liebe Grüße
    Kati

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