Redaktionell

Über Lese-Challenges

Wie ist das eigentlich mit den Challenges? Sind sie eine Bereicherung? Oder doch eher eine Einschränkung? Ein paar Gedanken.

Dieser Beitrag bezieht sich auf einen Post von Primeballerina.

Anfang des Jahres ins Fitnesscenter

Beliebter Neujahrsvorsatz: „Fitness“ (Pexels.com)

Wir alle kennen und lieben sie: Die guten Vorsätze für das neue Jahr. Egal, ob wir sie hassen oder uns tatsächlich einbilden welche haben zu müssen – egal, ob wir sie überhaupt wahrnehmen oder ignorieren. Sie sind eben da. Alle anderen scheinen sie zu haben oder zumindest ihre Meinung dazu äußern zu müssen. So ist das eben, Anfang des Jahres.

Und weil es dabei nicht nur um das Abspecken, mehr Sport, das Aufhören mit dem Rauen oder das Führen eines Kalenders geht, sondern eben auch um Bücher, gefällt mir der Gedanke darüber nachzudenken, was diese Vorsätze wirklich sind. Oder was sie auslösen. Also … bei mir.

Wozu es sie gibt

Eine Lesechallenge ist natürlich, genau wie die Neujahrsvorsätze, dazu da Gewohnheiten aufzubrechen. Sieht man einmal von rein quantitativen Challenges ab (also solchen, die nur auf die Gesamtzahl der gelesenen Bücher abziehlen), kann das auf zwei Arten passieren: Entweder, es sollen Kraut-und-Rüben-Äcker in französische Gärten verwandelt werden oder umgekehrt.

Anstatt also einfach loszugehen und wild einzukaufen, wird unser Blick für bestimmte Merkmale geschärft. Ist es das richtige Genre? Ist es ein Taschenbuch oder gebunden? Welcher Verlag hat es herausgegeben?

Wir schränken uns also absichtlich ein, versuchen Bücher mit bestimmten anderen Merkmalen erstmal hintan zu stellen. Ich habe zum Beispiel am „Jahr des Taschenbuchs 2016“ teilgenommen. Um nicht zu viele Bücher zu kaufen, die nicht dazu passen, habe ich also einige Gebundene liegen gelassen. Hätte ich gleichzeitig eine Challenge mit thematischem Fokus angenommen; ich hätte nach Überschneidungen gesucht – ebenfalls um nicht zu viele Bücher „unnötig“ zu kaufen.

Wie sieht es aber mit der Qualität der Bücher aus, die ich so gelesen hätte?

Die Überschneidung als Irrläufer

Stellen wir uns vor, ich hätte an drei Challenges teilgenommen: „Das Jahr des Taschenbuchs“, der (fiktiven) Challenge „Der monatliche Weltuntergang“ und der (ebenfalls fiktiven) „12 Apples Appear on my Covers a Year“-Herausforderung. Erstere verlangt mindestens ein Taschenbuch, zweitere einen Weltuntergang und letztere ein Cover mit Apfel – alle drei pro Monat. Nun … jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich finde ein Buch, das alle drei Kriterien erfüllt, oder nicht.

Stellen wir uns vor, ich lese im Jahr etwa 30 Bücher. Dann wäre es schon eine ziemliche Herausforderung alle drei Challenges separat zu schaffen. Gehen wir einmal davon aus, dass sowieso die Hälfte meiner gekauften Bücher Taschenbücher wären, müsste ich nur mehr auf zwei Kriterien Rücksicht nehmen – Apokalypsen-Romane mit Apfel auf dem Cover sind aber selten. Ergo werde ich sie entweder nicht oft finden – oder meine eigenen Ansprüche an ein Buch herunterschrauben.

In ersterem Fall würde ich mir vermutlich mehr Bücher kaufen als ich will. Und ich würde, unter Umständen, auch mehr lesen als ich will. Im anderen würde ich Romane kaufen, die ich nicht lesen will. Denn – mal ehrlich: Wie gut werden alle 12 Apfelkalypsen-Bücher sein? 🙂

Maß und Ziel

Vielleicht ist es am Befriedigendsten, wenn die Anzahl der Challenges mit der durchschnittlichen Zahl der von uns voraussichtlich gelesenen Bücher skaliert. Bei 30 Büchern würde ich beispielsweise davon abraten an einer monatlichen Challenge teilzunehmen, die ihrerseits mehr als die Hälfte aller Bücher auf dem Markt ausschließt. Taschenbücher statt gebundenen sind also ok – die Auswahl ist hier groß genug. Bestimmte Gegenstände auf dem Cover (oder andere Farben als schwarz) sind dann vielleicht nicht unbedingt sinnvoll.

Natürlich sollte hier auch ein wenig mit einfließen, wie wahrscheinlich es ist einen bestimmten Gegenstand auf den Covers der Bücher in allen Genres, die ich gerne lese, anzutreffen. Ein Apfel und die Apokalypse? Eher selten. Schnee und Schweden-Krimis? Warum nicht. Alles steht und fällt mit der Anzahl der Bücher, die potenziell wegfällt, wenn man den Kriterien der Challenges folgt.

Alles und das Gegenteil

Jetzt kommt das große „Aber“. Tatsächlich ist es nämlich so, dass vieles, was wir lesen, uns in eine Blase einhüllt. Liebesromane sind eine tolle Sache – aber ständig nur sie zu lesen bedeutet, dass wir uns in einer romantischen Sichtweise verlieren, die mit der realen Welt recht wenig zu tun hat. Dauernd Science-Fiction-Schmöker zu wälzen birgt die Gefahr, dass wir vergessen uns mit dem Hier und Jetzt ordentlich auseinander zu setzen.

Klar, Bücher haben nicht nur die Aufgabe uns neue Inhalte zu vermitteln. Sie sollen auch Ablenkung und Unterhaltung sein. Aber ein sich-in-einem-Genre-Verlaufen ist vermutlich für niemanden gut. Sie machen uns (und letztlich auch unsere Interessen, unterstellt man, dass sie von unserem Wissen herrühren) einseitig und eventuell sogar unflexibel.

Hier können Challenges Abhilfe schaffen.

Bin ich dazu gezwungen mir Bücher mit Äpfeln auf dem Cover zu suchen, dann höre ich vielleicht auf ständig nur vom Weltuntergang zu lesen. Nichts gegen eine zünftige Apokalypse; aber manchmal könnte es auch hilfreich sein nicht dauernd davon auszugehen, dass die Welt bald im Zombie-Chaos versinkt.

Solange die Anzahl der durch die Challenges eingeschränkten Bücher eben mit der Gesamtmenge skalieren wirken Challenges eben bereichernd.

Wie seht Ihr das?

So … soweit zu meiner Meinung. Wie haltet Ihr das? Nehmt Ihr auch 2017 wieder an Challenges teil? Und wenn ja – welcher Art sind diese? Ich bin noch unentschlossen, warte also sozusagen auf Euren Rat. 😀

 

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

3 Comments

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Dein Senf:

  • Ach, ich bin ein Feigling. Ich mache nur Challenges mit, von denen ich erwarten kann, dass ich sie vollbringe. 😉 !00 Bücher im Jahr zu lesen ist nicht schwierig, zumal, wenn davon mindestens die Hälfte Hörbücher sind. 😀 Letztes Jahr hatte ich einen Challenge entdeckt, der recht viel forderte. Ich habe mir noch gar nicht die Mühe gemacht zu kontrollieren, wieviele derAufgaben ich ohnehin erfüllt habe. Gezielt habe ich keines der Kriterien erfüllt. 😀

    • Sehr vernünftig. 🙂

      Bei mir ist es ja leider so, dass ich unglaublichen Ehrgeiz entwickle, wenn ich mich einmal einer Aktion angeschlossen habe. Am Besten erkennt man das bei der GOODREADS-Challenge. Ich habe von 65 im Jahr 2011 auf 114 im Jahr 2016 gesteigert. Ob ich das ohne diesen kleinen Balken auf der Site gemacht hätte weiß ich nicht… 😉

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