Film & Serie

Snowpiercer: SciFi-Action mit Hirn und Comic-Ästhetik

VERFÜGBAR AUF NETFLIX, MAXDOME UND AMAZON PRIME - Die Welt ist kaum mehr als eine weiße, tote Landschaft. Nichts geht mehr. Nur noch ein Zug rollt seine Gleise entlang. An Bord nichts weniger als die gesamte Menschheit. Wie gut kann ein Film unter diesen Voraussetzungen sein?

Es ist kalt

Snowpiercer_poster
(C) CJ Entertainment

Dystopien gibt es viele – die einen sind ein wenig realistischer, die anderen ein wenig … äh … nicht so realistisch. „Snowpiercer“ ist definitiv nicht von ersterer Sorte. Um diesen Film (oder den Comic) sehen zu können ohne Magenbeschwerden zu haben, muss man also einiges tun. Zum Beispiel alles vergessen, was man über Wissenschaft im Allgemeinen und Meteorologie im Besonderen auch nur ansatzweise zu wissen glaubt.

Im Ernst. Vergesst es. Dann kann der Film erst wirken. 🙂

Action, Action, Action

Die Welt ist ein Eisklumpen mit Schnee drauf. Um der globalen Erwärmung Herr zu werden verteilte die Menschheit ein dezent überdosiertes Kühlmittel in der Atmosphäre und erfror beinahe vollständig. Die wenigen Überlebenden sind allesamt in einem einzigen Zug zu finden. Dieser Zug rast mit enormer Geschwindigkeit durch die Eiswüsten, die einmal die Kontinente gewesen waren; sein Schienennetz ist so ausgelegt, dass er nicht nur durch Europa und Asien, sondern auch durch Amerika fährt. Ein „Runde um den (Eis-) Block“ dauert ziemlich exakt ein Jahr.

Innen ist der Zug mit allerlei Annehmlichkeiten ausgestattet: Sauna, Swimming Pool, Disko, Schlaf- und Wohnabteilen, Fischzucht, Orangerie und hausgemachten Sklaven.

Letztere werden am Ende des Zugs, in den letzten Waggons, und unter grausamsten Umständen gehalten. Ohne jedes Recht auf Information oder Unversehrtheit vegetieren diese Menschen mehr vor sich hin. Ihr ganzer Lebensinhalt scheint daraus zu bestehen die ewig gleichen Proteinblöcke zu essen, sich zu vermehren und bei den gelegentlichen Revolutionen zu scheitern. Diese Revolutionen enden für einen großen Teil der Sklaven tödlich.

Als wieder einmal – ohne ersichtlichen Grund – Kinder aus der Gruppe von den Aufsehern aus den vorderen Waggons entführt werden, kommt es zum Aufstand. Dieser wird angeführt von einem Mann (Curtis, gespielt von Cpt America Chris Evans), dessen eigene Vergangenheit ihn stets an sich zweifeln lässt. Das einzige, was er sicher weiß, ist, dass der Erfinder des Zuges (‚Wilford‘, gespielt von Ed Harris) sterben muss. Als er und seine Mit-Sklaven sich ans Werk machen, beginnt eine Schlacht zu toben, wie sie der Zug seit seiner Abfahrt vor 17 Jahren noch nie erlebt hat.

Keine Angst vor der Realität

Ganz klar gibt es eine Voraussetzung für das Sehen des Films. Man muss alles, was man auch nur im Ansatz über Wissenschaft im Allgemeinen und Meteorologie im Besonderen zu wissen glaubt vergessen. Realistisch ist das Szenario jedenfalls nicht einmal ansatzweise. Auch, wenn sich der Film (wie der Comic) immer wieder darauf versteht auf das geniale Konzept des Zuges zu verweisen, gelingt das nämlich nicht.

Und jetzt kommt der Twist: Sieht man darüber hinweg, ist der Film genial.

Wie gute Science Fiction eben sein sollte fokussiert sich die Erzählung nur am Rande auf Technik. Statt einem bis ins Detail ausgearbeiteten Zuges erhält man so eine ausgewachsene Gesellschaftsparabel in Action-Form. Interpretiert man die von Regisseur Bong Joon-ho gezeigten Bilder nämlich als Auseinandersetzung zwischen den Schichten unserer heutigen Welt ergeben die Handlungen der einzelnen Protagonisten – ja ihre Motive – plötzlich Sinn™.

Bilder wie aus Comic-Panels

Die Form der Bühne bestimmt das Stück natürlich mit. Allein die Tatsache, dass sich die Revolution in abgetrennten Waggons abspielt sorgt so dafür, dass wir die einzelnen Etappen des Aufstands gut voneinander unterscheiden können. Jeder Waggon erhält so nicht nur seinen eigenen kleinen Kosmos der Grausamkeit (mal durch diejenigen, die ihn bewohnen, mal durch seine bloße Existenz), sondern auch ureigenen narrativen Charakter. Nicht überall wird gekämpft. Im richtigen Licht betrachtet gäbe es sogar den einen oder anderen Teil des Zuges, der über eine eigene Schönheit verfügte. Nur die kalte Inszenierung (Pun intended…) verhindert das; sehen wir alles doch aus der Perspektive eines Unterdrückten, der den Überfluss der Unterdrücker nicht fassen kann.

An manchen Stellen im Film wird der Parabel-Charakter übrigens nicht einmal verhehlt. Statt dessen wird offen darüber gesprochen, dass die Reichen die Armen schon immer unterdrückt haben. Und das schadet ihm gar nicht.

Fazit

Ich kann den Film zwei Gruppen empfehlen. Einerseits dem SciFi-Interessierten Publikum, das die Botschaft hinter dem Spektakel sehen möchte – und andererseits jenen, die Gewaltorgien schon als ausreichenden Grund für einen Abend vor dem Monitor empfinden. Beide werden dabei gut bedient. Allerdings darf man nicht zimperlich sein, denn der Film geizt nicht gerade mit Grausamkeit in physischer und psychologischer Form.

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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