Buch

Raumpatrouille: Ziellos durch die Kindheit

Was macht man, wenn man der Sohn des Bundeskanzlers ist? Genau. Das gleiche, was alle anderen auch machen. Ein Kind sein und aufwachsen.

Eine Kindheit wie keine andere auch

Heute stellt man sich das in erster Linie so vor: Wer als Sohn oder Tochter eines ranghohen Regierungsmitglieds geboren wird, der hat schon während der Presswehen den goldenen Löffel im Mund und schreit allenfalls, damit ein bediensteter dieser nach dem ersten Atemzug wieder aufhebt. Tatsächlich ist es ja auch noch immer so, dass die soziale Schicht, der unsere Eltern entstammen, unser Leben prägen.

Wenn man also als Sohn von Willi Brandt das Licht der Welt erblickt – wie fühlt sich das an? Gut … diese Frage beantwortet Matthias Brandt in diesem Buch nicht. Zumindest nicht explizit. Stattdessen lässt er uns, an der Seite der vielen, episodischen Geschichten und Erinnerungsfragmente, teilhaben an seiner Kindheit. Die größte Überraschung dabei mag vielleicht sein, dass sie sich gar nicht so sehr von der anderer unterscheidet. Klar … die Details sind andere. Geld ist zum Beispiel ganz klar vorhanden; blitzt als Kitt zwischen den Geschichten auch immer wieder auf. Ein Chauffeur zum Beispiel gehörte sicherlich nicht zur Erlebniswelt des durchschnittlichen Kindes der 1970er-Jahre.

Aber sonst

Trotzdem ist genug vorhanden, das uns (und vor allem die Kinder seiner Generation) mit ihm verbindet. Da wären zum Beispiel die vielen Flausen, die er im Kopf hatte. Sein Wunsch Zauberer zu werden und seine Freunde zu besuchen. Oder einfach der Familienhund, mit dem er viele Erinnerungen teilte. Gute wie schlechte. Auch die noch nicht vorhandene Konsumkultur dieser Zeit; ein Merkmal von unglaublicher Tragweite.

Brandt streift in seinen Geschichten von Sportläden, die winzig sind. Von Fernsehsendungen, die zu einer bestimmten Uhrzeit laufen und deshalb den Tagesablauf entscheidend beeinflussen. Von lokalen Produkten, die im Laufe der Jahre durch internationale Marken ersetzt wurden. Wenn es etwas gibt, das diese Geschichten besonders auszeichnet, dann ist es ihre Fähigkeit ein Bild dieser Zeit zu erzeugen, in dem man sich durchaus heimelig fühlen kann. Selbst, wenn man erst 10 oder 20 Jahre später geboren wurde.

Kurz: Er macht mit uns die lockerste Zeitreise, die ich je erlebt habe.

Fazit

Es gibt eigentlich kein Ziel. In seinen Geschichten, meine ich. Während man durch das Buch blättert und die Seiten oft an einem einzigen Nachmittag weg liest, hat man das Gefühl seine Erlebnisse plätschern nur so dahin ohne in eine bestimmte Richtung zu fließen. Es ist das Leben eines Kindes, das wir vor uns haben. Es gibt keinen dramaturgischen Höhepunkt, auf den wir zusteuern. Dazu ist alles viel zu authentisch.

Es ist die verhältnismäßig große Belanglosigkeit, die den Geschichten irgendwie anhaftet. Ein großes Plus. Und durch die gewollte Kürze der Anekdoten (beziehungsweise dadurch, dass es nicht zu viele sind!) klappt man „Raumpatrouille“ mit dem wunderbaren Gefühl zu eine Weile Urlaub in einer Kindheit gemacht zu haben, die man sich für seine eigenen Kinder oft wünscht.

Wunderbar.


Buchinformationen

Matthias Brandt
Raumpatrouille

Kiepenheuer & Witsch
176 Seiten

(D) € 18.00 | (A) € 18.50
ISBN 9783462045673

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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