Buch

Projekt Luna: Das große unbekannte Selbst

Jedes Jahrzehnt hat seine ureigene Grundstimmung. Zumindest glaube ich das. "Projekt Luna" ist jedenfalls eindeutig ein Kind seiner Zeit.

Original mit Retro-Feeling

projektlunaBeim Lesen fühlt es sich an, als sehe man sich einen Film aus den 1950ern an. Daran ist nichts verkehrt, versteht sich. Einige brillante Werke stammen aus diesem Jahrzehnt und lassen sich eben hervorragend mit „Projekt Luna“ vergleichen. „Alarm im Weltall“ etwa – eine Shakespeare-Adaption mit Leslie Nielsen in der Hauptrolle.

Schon die ersten Zeilen lassen den Leser in die Ästhetik dieser Zeit eintauchen. Getragen von den Dialogen und Figuren des Romans bleibt man beim Lesen im Bann einer Zeit, die uns heute doch schon unglaublich fremd erscheint. Eine Zeit, in der die erste Mondlandung selbst noch pure Science Fiction war. Und ein wichtiges Ziel.

Der Kalte Krieg und die Leichen auf dem Mond

Der unbarmherzig geführte „Kalte Krieg“ war hier die treibende Kraft. Und auch der Grund, warum die US-Regierung, im Roman vertreten durch den genialen Wissenschafter Dr. Hawks, über Leichen geht um ihre Ziele als erste zu erreichen. Viele Leichen, um genau zu sein. Denn als auf der Rückseite des Mondes ein merkwürdiges Konstrukt gefunden wird, setzt sie eine von Hawks entwickelte, streng geheime Maschine ein.

Diese gleicht ein wenig den Transportern, die wir aus „Star Trek“ kennen: Materie wird in Energie umgewandelt und anschließend wieder zurück. Jedenfalls so ähnlich – denn anstatt die Materie selbst durch den Raum zu schicken (wie das eben in „Raumschiff Enterprise“ gezeigt wird), erreicht in Budrys Roman tatsächlich nur eine Kopie den Zielort. Und der ist, in unserem Fall, so außergewöhnlich wie gefährlich. Doch bevor wir uns dem Konstrukt selbst zuwenden sollten wir uns noch eine Besonderheit der Maschine besehen: Die Kopie am Zielort ist nämlich noch eine Weile mit ihrem Original auf der Erde verbunden. So gelangen Informationen darüber, was sich „dort oben“ abspielt, auch an ihren Bestimmungsort.

Doch wieso der ganze Terz? Nun … das Konstrukt auf dem Mond ist in erster Linie vor allem eines: Besonders. Niemand weiß, wozu es genau dient. Seine bloße Existenz allerdings macht es schon zu einem Objekt außergewöhnlicher Beschaffenheit. Ein künstliches Gebilde, das nicht von Menschen geschaffen wurde – es als erster betreten zu haben ist also schon eine Leistung an sich. Doch besonders vor dem Hintergrund des kalten Krieges versteht man ja jede Außergewöhnlichkeit als potenziellen Vor- oder Nachteil; und so kommt es, dass Forscher um Forscher erst auf den Mond kopiert und anschließend in das Konstrukt geschickt wird.

Ein einziger wäre nicht genug – denn was auch immer im Inneren vorgeht: Am Ende kommen auch die mit den Geschehnissen verbundenen Originale zurück und taugen zu wenig mehr als zur Warnung vor dem Unternehmen selbst. Zu Tode erschreckt sabbern sie für den Rest ihres Lebens in jenen Ecken herum, in die man sie stellt. Die Angst vor dem Tod ist es, so der Tenor ihrer Peiniger, die sie so zerstört. Was liegt da also näher als jemanden zu suchen, der keine solche kennt?

Diesen findet Hawks, über Umwege, im Draufgänger Barker – dessen Name wohl nicht zufällig so gewählt wurde. Erst mit seiner Hilfe scheint es möglich, endlich hinter die Geheimnisse des Konstrukts zu kommen.

Im Dialog liegt die Figur

Das gesprochene Wort liegt sicher im Fokus der Geschichte. Die Figuren interagieren miteinander auf höchst intellektuellem Niveau. Man kann beinahe sagen, dass die eigentliche Handlung des Romans wie ein Skelett unter dem liegt, was die Charaktere einander an den Kopf werfen. Von außen ist sie eigentlich kaum sichtbar – und wenn, dann nur weil es unbedingt nötig ist. So liegen die Stärken von „Projekt Luna“ auch weit weniger im Bereich einer dichten Science-Fiction-Erzählung; das Tech-Sprech (also der Versuch des Autors so zu klingen, als verfügten seine Figuren über Fachinformationen, die der Lesende nicht hat) ist in dieser Hinsicht schon mehr oder weniger die Hälfte der Bemühungen.

Es ist vor allem der philosophisch durchtränkte Dialog und dessen Symbolkraft, die den Roman so lesenswert machen. Hawks – ein kaltblütiger Logiker? Barker – ein todessehnsüchtiger Draufgänger? Gegenpole? Nahezu alle beteiligten Charaktere tragen das, was sie für ihr Herz halten, auf der Zunge. Sie reiben sich aneinander, versuchen sich möglichst vom Gegenüber zu unterscheiden. Ein Unterfangen so sinnlos, wie es auch das zu untersuchende Konstrukt auf dem Mond zu sein scheint. Am Ende richten sie sich dann aber doch selbst. Und zwar alle.

Andere Rezensionen

Ich äußere mich ja selten zu anderen Rezensionen eines Buches. Wenn, dann nur weil ich sie auch empfehle. Diesmal aber will ich einigen widersprechen, die ich so gelesen habe.

Viele Leser stoßen sich an der Tatsache, dass der SciFi-Aspekt in dieser Geschichte zu kurz kommt und der Klappentext (der sich sehr auf das Konstrukt selbst und viel weniger auf die Figuren und ihre eigentlichen Geschichten fixiert) sich in der Nähe von Etikettenschwindel ansiedelt. Das ist nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Dass die Figuren aber „oberflächlich“ sein sollen kann ich nur schwer nachvollziehen. Der Roman hat (vielleicht für manche Leser des Genres ungewohnt) hohe literarische Qualitäten. Die Schilderungen der Charaktere, die Erzählweise und der große Fokus auf die Dialoge selbst mag manchmal für schleppendes Voranschreiten sorgen. Sie sind aber hervorragend dazu geeignet die Atmosphäre des Romans zu transportieren und den Boden für das zu bereiten, was als Erkenntnis nach der Lektüre geplant ist.

Anders ausgedrückt: Get over it. Es ist kein Laser-Kracher-Krieg-im-Weltraum-Buch. Es hat Stil, Ihr Penner*. 😀

Die Cover-Gestaltung

Besonders gut gelungen ist übrigens auch die Gestaltung des Covers der neuen Taschenbuchausgabe. Der einzelne Mensch vor den kahlen, glatten Wänden einer monströsen Groteske: Eines Labyrinths auf dem Mond. Die Kälte des Moments in Farbe und Aufbau perfekt eingefangen; die Unsinnigkeit hinter den Mauern unsichtbar oder verborgen. Ungewiss in jedem Fall.

Ein Bild wie ein Gleichnis und ein Gleichnis wie der Roman selbst.

Nele Schütz Design, die Firma hinter dem Cover, führt es nicht einmal in ihren SciFi-Design-Beispielen auf. Schade. Es ist eines der passendsten, die ich in diesem Jahr zu Gesicht bekommen habe.

Fazit

Das Buch ist ein Musterstück für gute Science-Fiction. In „Projekt Luna“ wir die erzählte Geschichte selbst zum Träger für eine Art Fleischbeschau charakterlicher Schwächen. Indem wir uns anderen überlegen fühlen, sind wir ihnen gleich.

Ich liebe es. Auch, weil das Bouquet der 1950er-Jahre eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich ausübt.


Anmerkungen

Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt des Buchcovers. Dieses ist Eigentum der Random House – Verlagsgruppe.

*) Ist natürlich nicht ernst gemeint. Ihr könnt jedes Buch so bewerten wie Ihr wollt. Ich wollte das nur unbedingt einmal schreiben. 😉

Das Buch

ISBN 978-3-453-31767-3
Preis (D) 8.99 | (A) 9.30
Link zum Buch auf der Website des Verlags

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

2 Comments

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Dein Senf:

  • ‚Es hat Stil, ihr Penner‘. 😀 Sehr schön. Ich sitze auch gerade über dem Buch. Mir ist bewusst, dass das Luna Projekt zur Veröffentlichung eine Besonderheit war, das zeigte, dass auch SciFi in der Literatur möglich ist. Mir gefallen auch die Dialoge, die sich nicht nur mit dem ‚Outer‘ sondern vor allem dem ‚Inner Space‘, dem Menschen beschäftigen. Aber so ein bisschen Handlung wäre schon ganz nett. Ich habe noch etwa 80 Seiten und so richtig passiert ist nichts. Dennoch ein gutes Buch und ein sehr unterhaltsames Review.

    • Danke. 🙂 – Ja, ich verstehe genau was Du meinst. Wäre das Buch auch nur um 20-30 Seiten länger gewesen, dann hätte das Fehlen von ein wenig Handlung das Ganze vermutlich unerträglich gemacht. Dosis und Gift. Ich würde das Buch allerdings auch keine 32 Mal mehr lesen. 😉

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