Film & Serie

Not too strange things: Über die Begrenztheit von Ideen und Bildern

"Nichts neues unter der Sonne"? Ist "Stranger Things" nur eine Kopie von E.T. und einer Hand voll anderer 1980er-Filme? Ich glaube nicht. Und doch irgendwie. Ach ... sehen wir's uns einmal an.

Die Bilder der 1980er

[1] Stranger Things
[1] Stranger Things

Habt Ihr schon „Stranger Things“ gesehen? Nun … die Serie ist kein Reißer a lá „Game Of Thrones“, „Breaking Bad“ oder „The Walking Dead“. Ganz bestimmt nicht. Was die Serie allerdings auszeichnet ist der konstante Strom an leichtem Grusel-Feeling, ähnlich etwa der französischen Produktion von „The Returned“. Während man es sieht hat man nicht den Eindruck die Augen vom Bildschirm nicht abwenden zu können. Die Bilder sind ruhig, die Szenen angenehm geschnitten.

Das ist etwas ganz anderes als wir inzwischen gewohnt sind. Großartige Kulissen, schnelle Bilder und verwackelte Kameraaufnahmen sind zum Mainstream mutiert; Fernseh-Produktionen werden mit unglaublichen Budgets ausgestattet und erzählen so komplexe Geschichten, dass deren Inhalte nicht in eine 1.5- oder 2-stündige Erzählung passen.

Worum es geht

Im Mystery-Genre angesiedelt erzählt die Serie die Geschichte des Verschwindens eines Jungen – und des Auftauchens eines Mädchens. ER verschwindet während er mit dem Fahrrad durch einen Wald fährt, den er und seine Freunde (begeisterte Rollenspieler) den „Düsterwald“ nennen. SIE taucht auf, während seine Freunde nach ihm suchen – und zwar im gleichen Waldabschnitt.

Während die Erzähung voranschreitet wird alles immer merkwürdiger. So ist ganz offensichtlich, dass das Mädchen mit unheimlichen Kräften ausgestattet ist, deren Nutzung massiv an ihr zu zehren scheint. Und auch der Junge ist nicht einfach fort, sondern auf merkwürdige Art präsent: Er kommuniziert mit seiner verzweifelten Mutter über das Licht der Glühbirnen in ihrem Haus. Und auch der Sheriff zweifelt im Zuge seiner Ermittlungen immer mehr an einer einfachen Entführung oder einem Unfall. Was ist mit dem Jungen geschehen? Und wer sind die Regierungsbeamten, die hinter dem Mädchen her zu sein scheinen?

Nicht ganz so schnell

[2] E.T. - Der Außerirdische ist ein Klassiker
[2] E.T.

„Stranger Things“ ist ein wenig anders. In Sachen Stil (und Gestaltung, wie wir gleich sehen werden) orientiert sie sich an den Filmen der 1980er, als es noch galt das Band möglichst laufen zu lassen. Die „ruhigen Aufnahmen“, also lange Szenen und verhältnismäßig wenigen Cuts, waren oft den Produktionsmitteln geschuldet und haben ihre Dominanz erst in den 1990ern verloren. Mit dem Aufkommen von Digitalkameras wurde der Flashlight-artige Bildaufbau dann nicht nur Mode sondern Usus.

Das prädestiniert die Serie natürlich für direkte Vergleiche. Und Spekulationen. Sieht man sich nämlich entscheidende oder typische Szenen der Serie parallel zu den großen Filmen der 1980er an, wird schnell klar, dass es keinen Sinn macht Ähnlichkeiten zu leugnen.

Besonders Bilder aus „E.T.“ beeinflussten dabei das Look & Feel der Mystery-Produktion sehr. Viele Szenen des Drehbuchs scheinen aus dem Film übernommen. Die Frage, die sich dabei stellt ist folgende: Was ist noch „Hommage“ und was bereits „Kopie“?

Über die Begrenztheit von Bildern

115 Minuten. So lange dauert der Stephen-Spielberg-Klassiker in der Originalversion. Er erzählt die Geschichte eines Außerirdischen, der auf der Erde von einem kleinen Jungen gefunden und beschützt wird. Die Geschichte wird schon allein dadurch spannend, dass niemand von der Existenz des (für einen interstellar Reisenden) merkwürdig naiven Aliens wissen darf – aber natürlich eine Gruppe von Bösewichten hinter ihm her ist.

Knapp 400 Minuten. So lange dauert dagegen „Stranger Things“. Zumindest bisher – denn soweit wir wissen wird eine zweite Staffel produziert. Einige Elemente der Story lehnen sich tatsächlich an E.T. an – was aber nun wirklich nicht übermäßig wundert. Denn ein gestrandetes Alien / entkommenes Mädchen mit militärisch relevanten Superkräften erzeugen schon bei deren Erwähnung Bilder in unserem Kopf, die dem E.T.-Schema entsprechen dürften. Oder wer sieht nicht die Männer in schwarzen Anzügen auftauchen, sobald es um solche Themen geht?

Es gibt jede Menge Elemente, die in beiden Fällen eine gewisse Wirkung erzielen sollen. Sehen wir sie uns doch einmal an:

Fahrräder

In den 1980ern waren Fahrräder die Autos der Jugend. Anders als heute war es dabei absolut üblich die Kinder frei in der Umgebung fahren zu lassen. Auch Bahnübergänge, Unterführungen und Wälder waren dabei kein Problem. Was einem heute wie eine Verletzung der Sorgfaltspflicht gesehen würde war völlig normal. Es ist also kein Wunder, dass die Fahrräder der Kids in beiden Produktionen eine Rolle spielen – und die Kinder dabei allein in scheinbar verlassenen Gegenden unterwegs sind.

Der Wald
[3]
[3] Häufiges Motiv: Wald, Nacht und Nebel…

Dass Wälder in der Nacht düstere Sets ergeben ist nicht erst seit E.T. so. Wie viele Horror-Filme spielen in einer einsamen Hütte im Wald? Wie oft haben wir Nebel zwischen Baumstämmen auf den Bildschirmen dieser Welt gesehen? Je größer der Wald, desto höher außerdem die Wahrscheinlichkeit sich darin zu verirren. Was in unseren Breiten als unvorstellbar gilt (schließlich haben wir beinahe überall Handy-Empfang und die nächstbeste Ortschaft ist in den seltensten Fällen weiter als ein zwei, drei Kilometer entfernt) ist in den Staaten sogar bis heute ein „Problem“. Durch die teilweise spärliche Besiedelung können Wälder unglaubliche Flächen bedecken. Verläuft man sich, kann es gut sein, dass man gar nicht mehr nach Hause findet – denn Handymasten sind in den tiefsten Wäldern selten.

In den 1980ern gab es die Möglichkeit mobiler Telefonie noch gar nicht. Kein Wunder also, dass Wälder zu einem häufig gewählten Set für Horror- und Mystery-Filme wurden, oder? Herausforderung: Nennt mir einen Ort, an dem noch kein Horror-Film spielt. 😀

Das Mädchen und die Männer in schwarz

Sieht man einmal davon ab, dass es sich in einem Fall um einen Menschen und im anderen um einen Außerirdischen handelt, haben „Elf“ aus „Stranger Things“ und „E.T.“ („Extra Terrestrial“ oder genauso liebevoll übersetzt schlicht „Außerirdischer“) eine Menge gemeinsam. Das fängt bei ihren Namen an (beide sprechen jetzt nicht gerade für traditionelle Namensgebung), geht über die spärliche Behaarung (*kchkchkch*) und endet noch nicht einmal bei dem Umstand, dass beide von Regierungsvertretern verfolgt werden.

Nun sind die anzugtragenden Verfolger auch nicht gerade eine Seltenheit und werden in „Men in Black“ ab den 1990ern sogar zum Mittelpunkt einer eigenen Filmreihe. Doch der Mythos von Alienverschwörungen begann bereits in den 1950ern fahrt aufzunehmen als die ersten Männer in Schwarz angeblich bei UFO-Zeugen auftauchten. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Verschwörungshype spätestens in „Akte X“ – einer Sendung, in der man die Regierungsbeamten auf beiden Seiten des Gut-Böse-Spektrums finden kann.

Etwas „besonderes“ ist die Geschichte rund um „Elf“ also in dieser Hinsicht nicht. Aber dass es von E.T. abgekupfert wäre ist wohl ein wenig zu kurz gegriffen. Es wurde jedenfalls nicht nur von diesem Film kopiert.

Funkgeräte

Ein wesentliches Element sind natürlich auch die Funkgeräte. Ich hatte eine Kindheit in „ärmlichen Verhältnissen“, wenn man so will. Teufel, sogar ich hatte damals ein „Walkie Talkie“ (Türkis/Orange – eine typische 1980er-Kombi übrigens!).

Vieles war schon da

[1] Gilgamesch
[4] Die Flut-Geschichte wurde schon im Gilgamesch-Epos beschrieben.

Die Anzahl möglicher, erzählbarer Geschichten ist begrenzt. Vorhandene Elemente können jederzeit kopiert werden – und sind in neuem Kontext oft sogar wesentlich spannender als im Alten. Das begann schon bei „Gilgamesch“, dessen Flut-Katastrophe wurde später in der Bibel nacherzählt. Aber auch moderne Serien sind, in ihrem Kern, Nacherzählungen und Neukombinationen.

„Game of Thrones“ nimmt viele Anleihen in der englischen Geschichte. Die Intrigen, Argumentationen und plötzlichen Heiratspläne lesen sich teilweise wie eine riesige Hommage an die Rosenkriege – auch wenn die Drachen damals eher weniger relevant waren. Die Kreativität eines George R R Martin liegt demnach in der Kombination dieser Elemente – und Anreicherung derselben mit seinen eigenen Ideen. Was die HBO-Serie angeht kommt dann noch dazu, dass sie vorhandene Ruinen in fantastische Gemäuer wandeln. Niemand käme aber auf die Idee zu sagen, dass dieser Vorgang ein Kopieren ist.

In „The Walking Dead“ sehen wir jede Menge Auseinandersetzungen, die es in der Filmgeschichte schon dutzende Male gegeben hat. Die herumwackelnden Zombies sind dabei sicherlich das Zündschnur-Element, das die Zeit für diese Auseinandersetzungen quasi verknappt und somit die Geschwindigkeit der Erzählung erhöht. Aber George A. Romero, der Vater des Genres, wird ganz bestimmt nicht darüber schimpfen, dass er die Idee zuerst hatte.

Star Trek. Nichts ist wie Star Trek also vergesst es. 😛

Zusammenfassend

Eines ist klar: Ja, Stranger Things hat viele Anleihen bei 1980er-Filmen genommen. Das liegt aber (meiner Meinung nach) nicht daran, dass man abschreiben wollte, sondern vielmehr an der Begrenztheit möglicher Geschichten. Viele Stories sind eben schon erzählt und fernsehtechnisch umgesetzt. Vor allem im Mystery-Bereich. Klar, dass dann eher auf die Kombination verschiedener Geschichten gesetzt wird – und so ist „Stranger Things“ wohl vor allem eines: Eine nostalgische Reise zurück in die Geschichten und Erzählweisen einer Dekade, in der besonders viele ikonische Mystery-Filme entstanden.

Ich mag es. Nein. Ich liebe es. Weniger, weil es so eine tolle Serie ist – denn im direkten Vergleich mit anderen zeitgenössischen Produktionen wirkt sie doch eher lau. Viel mehr, weil ich viele Elemente aus meiner kindlichen Fantasie wiederentdecken darf. Ich sehe mich selbst mit dem Fahrrad in dem Waldstück wieder, in dem ich als Kind spielte. Ich sehe mich mit meinen Freunden über Funk sprechen (und völlig wirres Zeug morsen). Auch Pen & Paper erkenne ich wieder.

Hach. 😉

Der visuelle Vergleich

Abschließend

Na? Was meint Ihr? Habt Ihr „Stranger Things“ gesehen? Mögt Ihr es?


Anmerkungen

Das Titelbild ist das Logo der Netflix-Produktion „Stranger Things“. Es ist als solches Eigentum von Netflix. Die Copyright-Beschränkungen des eingebetteten Videos entnehmen Sie bitte der Website „VIMEO“, auf welcher das Material gehostet und verbreitet wird.

[1] Das Poster ist geistiges Eigentum von Netflix.

[2] Von e.t. (film) / Steven spielberg – http://www.seeklogo.com/files/E/E_T__The_Extra-Terrestrial-vector-logo-AEBB9DB20C-seeklogo.com.zip, Logo, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=6185646

[3] Dieses Bild steht unter der CCO-Lizenz und wurde von Pexels heruntergeladen.

[4] By Urban at French Wikipedia – photo by Urban, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1665473

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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