Buch Stephen King Mai 2017

Misery: Der Wahnsinn braucht Raum. Einen Raum.

Einmal mehr Colorado. Einmal mehr Schnee. Und einmal mehr der König des Horror-Romans, der beide nutzt um den Schrecken zu entfesseln.

Dieses Buch habe ich auch im Rahmen des „Stephen King Mai 2017“ gelesen.

Der Wahnsinn in der Bergwelt

Stephen King hat schon das eine oder andere Mal bewiesen, dass er in Sachen Horror seinem Nachnamen alle Ehre macht. Nicht umsonst kann er kaum noch einen Einkaufszettel schreiben, der nicht im Anschluss verfilmt wird. Und doch gibt es, in der Fülle von Axtmorden, Dämonenwut und zwischen literweise verspritztem Blut das eine oder andere Highlight. Sozusagen das über-Highlight.

„Misery“, und ich verwende hier lieber den Originaltitel statt der (verhältnismäßig plumpen) deutschen Variante „Sie“. Versteht mich nicht falsch: „Sie“ ist eigentlich ein guter, starker Titel. Und doch gefällt mir, was der Autor im Englischen daraus gemacht hat.

Man fährt nicht durch Colorado, wenn es schneit

Wie wir ja bereits aus „The Shining“ (Rezension gibt es hier) wissen, fährt man im Winter besser nicht in die Gebirge von Colorado. Unter den Schneemassen, in der Mitte von Nirgendwo, liegt der Wahnsinn nämlich scheinbar auf der Straße. Man sieht ihn nicht, und doch wird man irgendwann über ihn stolpern.

So ergeht es auch dem erfolgreichen Schriftsteller Paul Sheldon, der eigentlich den Abschluss seines neuesten Romans feiern wollte. Einen Autounfall später (schließlich ist Champagner edel aber nicht alkoholfrei!) findet er sich in den ganz und gar nicht zarten Armen einer ehemaligen Krankenschwester. Seine Beine sind kaum mehr als ein Haufen Knochensplitter, zusammengehalten von der Bettdecke, unter die sie ihn gesteckt hat. Wären da nicht die starken Medikamente, die sie ihm regelmäßig verabreicht, er hätte außer Schreien kaum noch etwas zu Wege gebracht.

Annie kümmert sich um Paul. Der Schneefall verhindert, dass sie ihn in ein Krankenhaus verfrachten könnte – ganz so, wie er vor einigen Jahren auch diesen bedauernswerten Hausmeister des Overlook-Hotels von der Außenwelt abgeschnitten hatte.

Als nach und nach die Schmerzen (zumindest unter Medikamenten-Einfluss) erträglicher werden, macht sich Paul daran einen Fehler zu korrigieren. Einen Fehler, den er erst gefeiert und anschließend bedauert hatte. Letzteres hauptsächlich, weil Annie darauf bestand. „Misery“, die Heldin der Romanreihe, für die Paul berühmt ist, war in seinem letzten Buch der Reihe verstorben. Nun sollte er sie zurückholen. Mit kaum mehr, als einem Haufen schlechtem Papier, einer defekten Schreibmaschine und einer Wahnsinnigen im Genick. Sein Leben hängt nun von seiner erfundenen Figur ab.

Der Wahnsinn mit literarischen Qualitäten

Wie eingangs schon erwähnt: King weiß, was er schreibt. „Misery“ sticht aber, meiner Meinung nach, noch einmal besonders hervor. Nicht nur, dass er tief in einer Misere steckt, die durch seine Figur gleichen Namens hervorgerufen wurde (welche Ironie – daher meine Begeisterung für den Originaltitel). Auch die Schreibmaschine, auf den meisten Covers das nahezu einzig Abgebildete, ist ein Sinnbild für alle Geschehnisse im Roman selbst. Anfangs fehlt ein Buchstabe. Die Taste „N“ war abgebrochen, schon lange bevor Annie das unhandliche Monstrum von einer Schreibkrücke für ihren Gefangenen gekauft hatte. Jede Kritik daran, jedes Erwähnen eines Fehlers, den Annie also begangen hatte, führt zu einem furchtbaren Anfall – und somit zu unglaublichem Leid. Denn alles, was Annie nicht versteht (oh … vielleicht sogar noch schlimmer: alles, was Annie falsch versteht oder falsch verstehen will) wird in Wut umgewandelt; und diese bricht sich nicht nur Bahn, sondern gleich auch ein paar Knochen.

Und während der Plot voranschreitet, während wir Seite um Seite mehr um Paul bangen, spiegelt die Schreibmaschine alles wider. Wie ein gehässiges Echo.

Hochform

Ich weiß nicht, ob man „Misery“ gleich zu beginn einer aufkeimenden Liebe für Stephen King lesen sollte. Schließlich ist es eines seiner absoluten Meisterwerke; einer der Gipfel seiner Karriere. Ganz ohne Übernatürliches entfesselt er einen Horror, der jeglicher Beschreibung spottet. Klar ist aber, dass man dieses Buch gelesen haben sollte. Auch, wenn es manchmal weh tut.


Buchinformationen

Stephen King
Sie (Misery)

Heyne Verlag
511 Seiten

(D) € 9.99 | (A) € 10.30
ISBN 9783453435834

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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