Diary

Mein Schulabbruch

Ich habe die Schule abgebrochen. Ein kleines Buch - und die Abneigung meines Sohnes der Schule gegenüber - haben das (mal wieder) aufgewühlt...

Emotional mitgenommen

ichwillnichtindieschuleManchmal ist es außerordentlich verstörend, welche Bücher uns emotional berühren. Oder besser: „mitnehmen“. Ein Roman, von dem wir es nicht erwartet haben. Ein Comic, dessen Illustrationen etwas in uns bewegen. Die schon. Damit rechnet man sogar. Was aber, wenn ein Sachbuch dieses Kunststück vollbringt?

Ich habe eben das Buch „Ich will nicht in die Schule“ gelesen. Es ist nur wenig über 150 Seiten stark, das gute Teil. Stilistisch unterscheidet es sich kaum von dutzenden Büchern zum Thema, die ich schon gelesen habe. Und doch … ist es ein wenig anders.

Philip Streit, der Autor, führt viele Beispiele für Schulverweigerer an. Die verschiedensten Situationen schildert er – die einen mehr, die anderen weniger „realistisch“. Ob er sie wirklich alle aus seiner therapeutischen Praxis kennt kann ich natürlich nicht sagen; aber manche wirken eben eher so und andere nicht. Was ihnen aber allen gemein ist: Sie erzählen von Schulabbrechern und solchen, die es beinahe geworden wären.

1000 Gründe

Ich selbst habe die Schule abgebrochen. Das hat viele Gründe. Keiner davon hat damit zu tun, dass ich zu blöd dafür gewesen wäre. Ohne falsche Bescheidenheit: Geschafft hätte ich es, wenn auch nicht als Klassenbester. Für mich war aber der Schulalltag irgendwann einfach zuviel. Es war gar nicht das Lernen, das mich bezwungen hat. Es waren die Rahmenumstände.

Der umgekehrte Osterhase

Da war zum Beispiel der Junge, dem es ungeheuren Spaß gemacht hat mir mein Zeug zu verstecken. Wir hatten damals noch offene Fächer, keine Spinde. Der Inhalt war frei zugänglich und konnte nicht nur von jedem eingesehen, sondern eben auch entwendet werden. Ein Umstand, von dem er reichlich Gebrauch machte. Zwei bis drei Mal die Woche suchte ich irgendwas.

Nicht immer erhielt ich es rechtzeitig bis zum Unterricht zurück, meistens aber doch. Den Stress, den ich während den Pausen empfand, machte das freilich nicht wett.

Ich war damals zwischen 11 und 14 Jahren alt. Ich verstand nicht, warum der Junge mir das antat. Tatsächlich hatte ich mit ihm kaum je ein Wort gewechselt. Ich kann mich heute überhaupt nur an eine einzige Gelegenheit erinnern, bei der ich ein Gespräch mit ihm geführt habe. Und das folgte auf meine Frage, warum er das eigentlich täte. Wenn ich mich recht entsinne antwortete er damals sinngemäß mit „bloß so“. Er wüsste es selbst nicht so genau. Hielt ihn noch eine ganze Weile nicht davon ab es zu tun.

Natürlich ging ich zu keinem Erwachsenen und bat um Hilfe. Im Gymnasium interessierte sich niemand für derlei Angelegenheiten. Zumindest niemand, von dem ich wusste. Ich ließ ihn also gewähren – oder besser: ich resignierte und hoffte, dass er von selbst damit aufhören würde. Es wurde ihm zwar bedeutend später langweilig als mir lieb war, aber irgendwann hörte er auf.

Lehrer

Als ich in die Oberstufe kam, übersiedelte meine Klasse in einen Trakt der Schule, der schon damals über versperrbare Spinde verfügte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich gedacht Frieden zu finden. Dem war aber nicht so. Eine ganze Menge Ereignisse (eines davon werde ich weiter unten erzählen) hatten inzwischen dazu geführt, dass ich mit kaum jemandem aus meiner Klassengemeinschaft Kontakt hatte. Ich umgab mich bestenfalls mit meinen drei besten Freunden. Diese erhielten übrigens, zusammen mit mir, den wenig schmeichelhaften Namen „Ostblock-Gang“, nach den damals belächelten Verlierern des kalten Krieges.

Ich hatte gelernt, dass die meisten Menschen mit mir nichts anfangen konnten. Ein Lehrer (selbstverständlich der Klassen- und Mathematiklehrer) hatte „einen Pick auf mich“, wie wir das nannten. Er hatte mich als Zielscheibe auserkoren und ließ keine Gelegenheit aus mich lächerlich zu machen. Hatte ich eine Skizze nicht ordentlich beschriftet (was auf Grund der Tatsache, dass ich immer weniger für die Schule arbeiten wollte immer häufiger vorkam), so hielt er einfach mein Heft in die Höhe und sagte (kaum sinngemäß, nahezu wörtlich): „Seht Euch das einmal an. Sowas gibt der ab.“. Er holte mich gerne (wenn auch, zugegeben, nicht unbedingt extrem oft) an die Tafel und ließ mich vor versammelter Klasse versagen. Wenn er meinen (Nach-) Namen nannte, dann meistens im bairischen Diminutiv (also mit einem -erl statt einem -chen am Ende des Wortes, um es zu verniedlichen).

Vermutlich brauche ich nicht weiter darüber schreiben wie mich das mitnahm. Als Erwachsener unterstelle ich ihm nicht, dass er mich wirklich ununterbrochen demütigen wollte – vielmehr war er aller Wahrscheinlichkeit nach unbeholfen und versuchte mich so wieder auf den rechten Weg zurück zu bringen. Er hatte eben keinerlei pädagogische Ausbildung genossen (war damals für Gymnasiallehrer nicht erforderlich) und tat vielleicht sein Bestes. Nun … einen Gefallen hat er mir jedenfalls nicht getan.

Eine Zeit lang versuchte ich dann doch noch Anschluss an den Rest der Klasse zu finden. Ich weiß nicht mehr warum. Wie auch immer – einige Mädels hatten scheinbar ein wenig Mitleid mit mir. Hin und wieder verbrachten wir die mehrstündige Pause zwischen Vor- und Nachmittagsunterricht am selben Ort. Eine Pizzeria oder McDonald’s. Allerdings nicht all zu häufig, denn meine Familie war – verglichen mit den anderen – alles andere als wohlhabend. Selbst mein damals bester Freund, dessen Mutter Alleinerzieherin war, hatte mehr Geld zur Verfügung. Nur um das zu illustrieren: Ich brachte mich einmal in Schwierigkeiten, weil ich ein Mittagessen um 28 Schilling (das wären jetzt etwa 3 Euro) einkaufte. Ich konnte es mir nicht leisten mit den coolen Kids abzuhängen. Selbst wenn ich es gewollt hätte.

Wie auch immer. Da ich in Sachen Sport schon immer völlig unbegabt war, machte mir der entsprechende Unterricht keinen Spaß. Und weil er immer auf den Nachmittag fiel, ließ ich ihn gerne ausfallen. Spätestens, als ich einmal hörte, wie der entsprechende Lehrer während eines verordneten Sprints anmerkte, dass ich „wie ein Behinderter“ laufen würde war der Ofen aus. Ich wollte mich nicht noch mehr blamieren und „vergaß“ ständig meinen Turnbeutel. Das machte alles natürlich noch schlimmer, aber ich wollte einfach nichts mehr damit zu tun haben. Ich war bis dahin im Schach-Club gewesen, hatte von Fußball und Co keine Ahnung. Irgendwann besuchte ich auch den Schach-Club nicht mehr.

Dafür begann ich viel zu rauchen und mehr oder weniger regelmäßig zu trinken. Bei meinen wenigen, ausgesuchten Freunden galt ich (wenn ich getrunken hatte) immer als „melancholisch“. Hätte schlimmer sein können.

Des Osterhasen Nachfolger

Die Spinde im neuen Trakt verhinderten jedenfalls, dass meine Sachen verschwanden. Mein damaliger, kindlicher Peiniger hatte inzwischen aufgehört mein Zeug zu verstecken. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob der Übergang auf seinen Nachfolger nahtlos war oder nicht – aber eines Tages tauchte eine solcher eben auf. Statt mir meine Sachen aus dem offenen Fach zu klauen nahm er sie einfach von meinem Tisch. Irgendetwas. Hauptsache er hatte etwas, das ich brauchte, und konnte damit fortlaufen.

Ja, ich ärgerte mich darüber. Ja, gelegentlich versuchte ich sie zurückzuholen. Aber Sport war, wie schon erwähnt, nicht unbedingt meine Sache und ich wog sensationelle 58kg auf 1.82m (an guten Tagen), also hätte ich sie ihm sowieso nicht abnehmen können. Es wurde mir zunehmend egal. Ich ging immer seltener zur Schule – und wenn ich es dann doch tat, dann las ich während des Unterrichts Bücher. Nach den Sommerferien hatte ich Nachprüfungen, die mein Aufsteigen in die nächsthöhere Klasse ermöglichen sollten. Die habe ich fehlerfrei bestanden, konnte ich für sie doch außerhalb der Schule lernen.

Eine der wenigen positiven Erinnerungen an diese Zeit ist übrigens das fassungslose Gesicht meiner Biologie-Professorin, als ich ihr alle Prüfungsfragen bestmöglich beantwortete. Sie fragte mich, wie es eigentlich kam, dass ich nicht zu ihren besten Schülern zählte. Ich erinnere mich nicht mehr, was ich antwortete. Was ich aber sehr wohl noch weiß ist, dass ich die Prüfung ursprünglich gar nicht absolvieren wollte. Ich hatte erst drei Wochen zuvor angefangen überhaupt in das entsprechende Buch zu schauen. In dem dieser Prüfung folgenden Jahr muss ich damit begonnen haben meine Prüfungsneurosen zu entwickeln. Es gelang mir nie, das wieder unter Kontrolle zu bringen.

Den davonlaufenden Kleptomanen sehe ich dieser Tage übrigens gelegentlich. Er hat inzwischen Kinder und vor mir eine Teil-Glatze bekommen. Karma? Ich weiß es nicht. Aber wenigstens ein kleiner Triumph.

Hässlichkeit

Eine Geschichte, die mir bis heute Albträume beschert, möchte ich auch noch erzählen.

In irgendeiner Pause stopfte ich mein gerade gefundenes Zeug zurück in mein Fach. Ich war naturgemäß aufgewühlt, ein Kind, das mit der Abneigung eines anderen ihm gegenüber nicht umgehen konnte. Eines der Mädels, aus einer angesagten Clique und durchaus ansehnlich (mit den Augen eines 12-13jährigen betrachtet) kam auf mich zu. Ich wurde nervös. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht mehr unbedingt gerne Kontakt zu meinen Klassenkameraden. Sie kam jedenfalls auf mich zu und sagte etwas. Ich verstand sie nicht. Sie hatte die Eigenschaft schnell und leise zu sprechen – und war selbst sichtlich aufgeregt.

Ganz der Derp, der ich war, fragte ich sie, ob sie wiederholen könnte, was sie gesagt hatte.

Sie grinste (verlegen?) und winkte ab. Es wäre nicht so wichtig, verstand ich.

Vielleicht kennt Ihr das: Manchmal verstehen wir nicht, was unser Gegenüber sagt. Sekunden später aber, wenn die Person schon auf und davon ist, setzt das Gehirn die Bausteine zusammen und formt daraus den verpassten Satz. Ich sehe es noch genau vor mir. Während sie zu ihren gehässig kichernden Freundinnen zurückkehrte hatte ich den Satz erfasst. „Ich finde Dich attraktiv.“ hatte sie gesagt. Natürlich als Einsatz einer verlorenen Wette. Spätestens die unpassende, für ein Mädchen ihres Alters ausgesprochen unwahrscheinliche Formulierung, hätte mir das verraten, wäre es nötig gewesen. Aber sie machten keinen Hehl daraus.

Ich machte mir nichts aus ihr. Es war nicht so, dass ich irgendwelche Hoffnungen gehegt hätte, die nun enttäuscht worden wären. Aber ich würde lügen, würde ich behaupten, dass es mir nicht das Herz gebrochen hätte. Es ist vielleicht lächerlich, wenn ich mit bald 34 Jahren noch immer so denke. Aber es war eine der schlimmsten Demütigungen meines Lebens. Nicht nur, dass man eine Zuneigungsbekundung zu mir als Einsatz für den Fall einer verlorenen Wette nutzte. Nicht nur, dass ich zu diesem Zeitpunkt vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben gesagt bekam, dass ich hässlich bin. Ich hatte auch noch einmal nachgefragt und es dadurch vielleicht so aussehen lassen, als hätte ich diesen Satz auch nur für einen Augenblick geglaubt.

In den darauffolgenden Jahren fragte ich mich noch oft, ob es das für sie noch witziger gemacht hat. So etwas geschah nie wieder – jedenfalls nicht von den weiblichen Klassenkameraden her.

Irgendwann (ein wenig) später sprach sie mich sogar noch einmal an. Ich glaube, sie hatte ein schlechtes Gewissen. Natürlich tat ich so, als wäre das alles kein Problem. Aber der „Schaden“ war schon angerichtet worden. Ich überkompensierte das selbstverständlich gehörig, aber die Wahrheit ist, dass ich nicht wirklich darüber hinweg kam. Ich konnte einfach nicht aufhören darüber nachzudenken, wie sie sich mich als Opfer wohl ausgesucht hatten. Hatte es ein Übertrumpfen gegeben? Ein Wetteifern darüber, wem gegenüber so eine Äußerung noch peinlicher wäre? Und ich hatte „gewonnen“?

Es kam anders

Ich wollte in die Wissenschaft gehen. Oder in die IT, die damals der Boom-Sektor war. Mein Schulabbruch, und meine im Laufe der Jahre entwickelten Neurosen, machten mir selbstverständlich einen Strich durch die Rechnung.

Inzwischen habe ich mir (und der „Welt“) bewiesen, dass ich zumindest zu etwas fähig bin. Ich habe innerhalb kurzer Zeit – und ohne jede Ausbildung – eine Position in einer großen Firma ergattern können, die wirklich ansehnlich war. Mein Burn-Out, das diese Phase schließlich beendete, rührte nicht von meiner Unfähigkeit her. Es war der Druck eines Unternehmens im Sturm der ausbrechenden Wirtschaftskrise, der mich in die Knie zwang. Ein Mahlwerk, dass mich als Mühlstein einsetzen wollte.

Jetzt bin ich ein (übergewichtiger) Buchhändler. Ich habe zwei Kinder und ein verhältnismäßig angenehmes Leben. Von anderen Menschen halte ich mich, nach Möglichkeit, noch immer fern und hinter (mündlich ausgesprochenen) Komplimenten vermute ich meistens noch einen Witz, den ich nicht verstehe. Meine Social-Media-Aktivitäten, mein Blog – ich begreife das als eine Art Therapie. Das erklärt vielleicht auch, warum ich um 1:45 Uhr einen solchen Text schreibe, der genau genommen nur für mich interessant ist.

Aber wenn mein Sohn ungern in die Schule geht – und das tut er – wird all das (und noch viel mehr) eben wieder hochgespült. Wie bei so vielen Gelegenheiten. Ich will nicht, dass er auch nur annähernd solche Erfahrungen macht.

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

6 Comments

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Dein Senf:

  • Seltsam, wie lange einem so etwas nachgeht. Und ich glaube nicht, dass es nur für dich interessant ist. Ich für meinen Teil habe es mit großem Interesse gelesen – und nicht nur, um bestätigt zu finden, dass ich kein Einzelfall war und Mobbing schon vor Erfindung des Internet durchaus üblich. Nur sprach keiner darüber.
    Im Gegensatz zu dir hatte ich allerdings „nur“ mit den Schülern zu kämpfen und verdanke es einer Lehrerin, dabei nicht ganz untergegangen zu sein. Die nahm mich in einer Pause beiseite und gab mir den Rat, die anderen nicht zu beachten und keine Freundschaften zu suchen. „Du bist intelligenter als sie. Konzentriere dich auf den Unterricht und sie werden zu dir kommen.“
    Sie hat zum Teil recht behalten.

    • Danke. <3

      Darüber geredet hat wirklich keiner. Ich wäre mir schwach vorgekommen - und das war für Jungs völlig unmöglich. Wenn ich doch einmal etwas gesagt habe (natürlich nie direkt), hat man durchblicken lassen (ziemlich direkt), ich solle mich eben zusammenreißen.

      War fies. Heute scheinen mehr Menschen sensibilisiert. Ein kleiner Hoffnungsschimmer. 😉

  • „… der genau genommen nur für mich interessant ist.“
    Ist er nicht. Ich versteh das so gut und je mehr ich solche Geschichten höre, umso mehr bin ich davon überzeugt, dass es fast jedem in der Schule so ging. Ich weiß nicht, ob „die coolen Kids“ nicht vielleicht andere Probleme hatten, die sie damit kompensiert haben, das rechtfertigt so ein Verhalten aber natürlich nicht. Ich verstehe grundsätzlich nicht, wieso Menschen sich gegenseitig das Leben so unwahrscheinlich schwer machen müssen. Du weißt, was du erreicht hast und wer du bist. Und du kannst darauf stolz sein – allein darauf kommt es an <3

    • Danke. 🙂

      Ja, viele hatten tatsächlich solche Probleme. Jahre später habe ich zum Beispiel erfahren, dass der „davonlaufende Kleptomane“ einen recht gestrengen, körperlich eingeschränkten Vater hatte. Sie hatten damals zum Beispiel keinen Fernseher – was für ihn wie das Mal des Teufels auf seiner Stirn gewesen sein muss. Ich gehe davon aus, dass er es nicht leicht hatte.

      Ein anderer Schüler in meiner Klasse, der später Profisportler in einer Mannschaftssportart wurde und in den USA Karriere machte, hatte so gut wie keine Sekunde Freizeit. Seine überehrgeizigen Eltern ließen ihn bis zum Zusammenbruch trainieren. Er war ein Wrack, das beim geringsten Druck durch Lehrer zu Heulen begann. Ihm wurde natürlich ganz anders unter die Arme gegriffen – immerhin war damals schon abzusehen, dass er einmal „groß raus käme“. Und außerdem sind Tränen ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Jemand der weint weckt eher Beschützerinstinkte als jemand, der sich die Haare zu einem roten Irokesen aufstellt und die zerrissenen Jeans zusammentackert. Letzteres war dann meine Wenigkeit. 😉

      Ich hoffe, mein Text erweckt nicht den Eindruck, dass ich diesen Menschen gegenüber noch feindselig eingestellt bin. Nicht, dass ich heute unbedingt mit ihnen auf ein Bier gehen wollen würde, aber jeder musste damals so handeln, wie er gehandelt hat. Die Umstände haben uns eben geformt. Bis heute.

      Natürlich hab‘ ich, in der Zwischenzeit, meinen Frieden (oder besser: Waffenstillstand) damit gemacht. Damit und mit all den verpassten Chancen die sich dadurch ergaben. Ich hatte großartige Aussichten – und merkwürdiger Weise habe ich sie inzwischen schon wieder. Unbescheiden möchte ich nicht sein. Vielmehr erzähle ich meine Geschichte von Zeit zu Zeit weil sie mich nicht nur geprägt hat, sondern weil ähnliche Geschichten vielleicht andere Menschen prägen. Ich glaube zwar nicht, dass es wirklich so viele sind – aber vielleicht ist das eine Folge der Tatsache, dass ich daran zerbrochen bin und nicht akzeptieren will, dass andere damit besser umgehen hätten können.

      Der Gedanke, dass es anderen auch so geht wie es mir ging, ist mir jedenfalls unerträglich.

      Danke für die aufmunternden Worte. 🙂

  • Der Beitrag hat auch mich sehr angesprochen.

    Ich glaube, die Schule abzubrechen war für mich nur immer kein Thema, weil meine Eltern das nie zugelassen hätten. Wenn man nicht gerade mit einem offenen Beinbruch da lag, ging man in die Schule oder zur Arbeit, Husten, Schnupfen, Grippe, Mobbing, alles keine Argumente. Es hat kaum jemand interessiert, was für Probleme ich hatte. In meinen schlimmsten Zeiten habe ich eher Suizid erwogen als die Schule abzubrechen, das muss man sich mal vorstellen… Auf der anderen Seite bringe ich meinen Peinigern auch heute noch kein Verständnis entgegen und werde sie immer hassen, allerdings haben die mich auch körperlich angegriffen, sodass ich mit blauen Flecken und blutigen Hautabschürfungen nach Hause kam, und das bestimmt über 3 Jahre hinweg, mit täglichen Beschimpfungen.

    Ich finde es traurig, dass damals und heute sich niemand für diese Strukturen innerhalb der Klassen verantwortlich fühlt und die psychologischen Ansprechpartner so selten sind. Eine medizinische Schuluntersuchung habe ich zum Beispiel recht häufig mit gemacht, eine psychologische Schuluntersuchung gab es überhaupt nicht. Als jemand, der schon in seiner Schulzeit mit Depressionen und Essstörungen zu kämpfen hatte und keinerlei Rückhalt in der Familie hatte, hätte ich sowas gebraucht, genau wie eine Klassenkameradin, die eine Essstörung entwickelte, und andere.

    Und ich kenne viel zu viele, hoch talentierte und intelligente Menschen, die in Elternhaus und Schulzeit solchen Mist mitgemacht haben, und das einfach weg stecken, weil sie es müssen, nur um später dann von Depressionen oder Burn-Out eingeholt zu werden. Es ist schwierig, dann nicht mit „Hätte man dies, hätte man das“ die verpassten Chancen zu sehen, aber auf der anderen Seite hat man vermutlich einfach aus dem was man hatte das Beste gemacht, was man zu dem Zeitpunkt zustande brachte.

    • Da stimme ich auf jeden Fall zu. Das Beste, was man tun hätte können. Und ja – es ist schwer nicht über die verschüttete Milch zu heulen.

      Ich hatte insofern das sprichwörtliche „Glück im Unglück“ keine körperlichen Attacken aushalten zu müssen. Zumindest nicht in der Schule (oder dem Elternhaus).

      Wut auf die Peiniger kann ich verstehen. Bei einigen wusste ich damals noch nicht wie sie zu Hause litten. Natürlich entschuldigt das deren Verhalten meistens sowieso nicht – aber es erklärt es manchmal.

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