Film & Serie

LOGAN: Nicht alt. Erwachsen.

LOGAN ist vielleicht der beste Superhelden-Film, den ich je gesehen habe. Ein paar Worte dazu.

Spät dran

Natürlich weiß ich, dass die meisten von Euch, wenn Ihr diese Rezension (die eigentlich mehr ein Kommentar ist) lest, den Film entweder schon gesehen haben, oder das nicht unbedingt nachholen wollen.

Trotzdem muss ich ein paar Worte zu „LOGAN“ sagen, den ich viel später als üblich im Kino gesehen habe. Warum? Irgendwie konnte ich niemanden auftreiben, der ihn auch ganz dringend sehen wollte. Die meisten wollten nicht unbedingt einen weiteren X-Men-Film sehen.

Tja. Ich habe LOGAN jetzt gesehen. Aber keinen weiteren X-Men-Film. Auf eine Zusammenfassung des Inhalts werde ich aber trotzdem verzichten.

Etwas ganz anderes

Superheldenfilme laufen ja, bekanntlich, nach einem bestimmten Schema ab. Ist es eine sogenannte „Origin Story“, also quasi die Geschichte der Entdeckung oder Entstehung eines Superhelden, dann funktioniert das so: Ein Außenseiter entdeckt seine (neuen?) Fähigkeiten. Er zweifelt an sich; nicht nur in Sachen Superhelden-Fähigkeiten sondern auch gleich an seinen Chancen bei seinem Schwarm zu landen. Anschließend taucht eine unglaublich große Bedrohung auf und sämtliche Zweifel lösen sich langsam auf. Zwischendurch sehen wir 23 Mal die amerikanische Flagge.

Klar … einzelne Faktoren können abweichen. So ist „Iron Man“ Tony Stark bestimmt nicht der prototypische Außenseiter. Andererseits kann man aber auch nicht gerade behaupten, dass er ein „normales“ Verhältnis zu den Menschen in seiner Umgebung hat. Mit seinem Geld, dem Genie und allem. Aber auch in den „Iron Man“-Filmen haben wir seine Liebesgeschichte, sein Scheitern und Selbstzweifel. Tony-Stark-Selbstzweifel zwar, aber immerhin.

Oder Spiderman. Peter Parker ist auch so ein ewiger Zweifler. In Spiderman 2 (Toby Maguire natürlich, Andrew Garfield war so wenig mein Fall, dass ich ständig eingeschlafen bin dabei) erleben wir, wir Spiderman zeitweilig sogar seine Kräfte verliert.

Die Liste ist beinahe so umfangreich wie das Marvel-Portfolio. Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem LOGAN etwas völlig anderes ist: Es gibt keine Liebesgeschichte. Der übermächtige Feind ist gar nicht so übermächtig. Und die Selbstzweifel sind nicht das Pflicht-Element, sondern vielmehr ein Dauerzustand. Und zu keinem Zeitpunkt sind sie der Mittelpunkt der Handlung.

Die große Bedrohung – aus menschlicher Perspektive

Wenn wir an Blockbuster denken, dann ist alles immer in der Superlative zu sehen: Aliens bedrohen die Welt, Superschurken bauen Megawaffen oder der Erdkern entscheidet sich dazu Urlaub zu nehmen. Wie auch immer: Es geht gleich immer ums Ganze.

Auch in LOGAN ist das so. Bloß, dass wir nicht die hypercool-almighty-US-Armee dabei beobachten, wie sie den popeligen anderen Staaten (-bünden) erklärt wie man den Hammer richtig auf einem Alien-Kopf platziert. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: In SIGNS – Zeichen sehen wir, wie sich die Alien-Invasion aus der Perspektive einer kleinen Familie anfühlt.

LOGAN verhält sich zu Superheldenfilmen wie „Signs“ zu „Independence Day“.

Das Ausmaß an Katastrophen ist nämlich auch in diesem Film nicht kleiner als in den anderen. Es ist nur so, dass wir quasi mit Wolverines Augen sehen und deshalb nicht gleich das ganze Bild, sondern vielmehr den Teil, der uns betreffen würde, wären wir in seiner Situation. Dadurch fühlt sich alles natürlich eine Spur … kleiner an. Und näher.

Das Drama ist echt

Weil LOGAN auf die gängigen Konventionen des Genres verzichtet, wirkt der Film um einiges unberechenbarer. Es gibt keinen direkten Gegenspieler; keinen Superschurken. Nicht, dass er deshalb nicht in Bedrängnis wäre – aber es besteht eigentlich zu keinem Zeitpunkt die Aussicht, dass die großen Probleme dieses Planeten durch einen vergifteten, alternden Ex-X-Man gelöst werden könnten. Es geht immer nur um die direkten Auswirkungen. Um Schadensbegrenzung. Um das persönliche Element.

Der Film spielt immer wieder mit diesem Umstand. Zum Beispiel, in dem er Wolverine- bzw X-Men-Comics ins Spiel bringt. Auf diese Art schafft die Story eine Meta-Ebene, die uns zusätzlich zeigt, dass wir hier etwas anderes vor uns haben. Immer wieder betont Logan gegenüber Laura, dass die Comics übertrieben wären, kaum ein Viertel der Geschichten wirklich so passiert sei – und wenn, dann „anders“.

Suggeriert wird immer wieder, dass die Auswirkungen solcher Auseinandersetzungen für den einzelnen wesentlich tragischer sind, als sie in Comics dargestellt werden (können). Und das ist wahr. Wie vorhin schon gesagt – Selbstzweifel gehören zum Business. Wolverine hatte immer schon mit den Auswirkungen des Tötens zu kämpfen, war nie der „heute töt‘ ich – morgen brau‘ ich – und übermorgen bin ich der Party liebstes Kind“-Typ. Aber auch seine Alpträume gingen stets vorüber. Und anschließend klopfte er wieder Sprüche.

Das ist hier nicht so.

Auch die Beziehung zwischen Logan und Charles Xavier ist hervorragend aufbereitet. Zwei gebrochene, alte Menschen, durch gemeinsame Geschichte miteinander verbunden. Die Vater-(rebellischer) Sohn-ähnliche Beziehung, die sie im Laufe der Jahrzehnte entwickelten, ist fantastisch aufgearbeitet. Das Spiel mit der Meta-Ebene klappt auch hier hervorragend: An einem Punkt im Film gibt Logan Charles als seinen Vater aus. Und für wenige Augenblicke, während eines gemeinsamen Essens am Tisch einer ihnen per Zufall bekannten Familie, hat man das Gefühl, dass auch Logan sich diesen Umstands bewusst ist.

Der düstere Ton

Klar ist, dass „Old Man Logan“ (der Comic) wirklich nur Pate bei der Entstehung der Geschichte war. Und das ist auch gut so. Denn mit LOGAN haben wir etwas viel größeres vor uns, als eben nur „eine weitere X-Men-Geschichte“. Wir haben eine Geschichte mit echtem Drama – und die Entscheidung den Film nicht für 12jährige zu drehen (wie das bei Marvel-Cinematic-Universe-Filmen wie „Iron Man“ und Konsorten der Fall ist) war goldrichtig. Nicht, dass ich die expliziten Gewalt-Szenen gebraucht hätte. Aber die Geschichte rund um misshandelte, aus Gründen eugenischer Optimierung gezüchteter Kinder, die anschließend entsorgt werden sollen – das ist eine großartige, traurige, aufwühlende Geschichte, die man nicht für ein so junges Publikum aufbereiten kann.

Und darüber Hinaus muss ich sagen, dass dieser Film den besten Übergang von einem Superhelden-Frontman zu einem anderen (Frontfrau, in diesem Fall) ist, den ich je gesehen hab. Der Generationenwechsel ist perfekt, wenn er mit X-23 (also Laura) weiter (und im selben Ton) verfolgt wird. Und das hoffe ich inständig. Denn dann ist es Fox gelungen, das MCU mit seinen klassischen Superhelden inhaltlich zu überholen.

Es ist ein würdiger Abschluss für Hugh Jackman, der Wolverine nur noch ein einziges Mal spielen wollte. Für mich ist das wirklich furchtbar; schließlich sind alle beteiligten in LOGAN zur absoluten Höchstform aufgelaufen und haben den Film zum vielleicht besten Film des Genres gemacht.

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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