Buch

Leben ohne Ende: Lesen ohne Ende?

Zombies, Atombomben, Donald Trump - wir kennen sie alle. Die Katastrophen, die zum Ende der Welt, wie wir sie kennen, führen könnten. "Leben ohne Ende" präsentiert uns einen zivilisatorischen Schlussstrich wesentlich leiserer Natur. Und einen Neuanfang, der an uns zweifeln lässt.

Ruhige Apokalypse

lebenohneendeEs ist selten, dass man für ein Buch – das einem gefällt! – länger als ein paar Tage benötigt. Wirklich selten. Manchmal ist uns der Inhalt zu brutal, oder emotional zu mitreißend um in einem Stück gelesen zu werden. Dann ist das nicht nur OK sondern sogar verständlich. Im Fall von „Leben ohne Ende“ kann ich allerdings nicht gerade behaupten, dass ich heulend unter der Bettdecke für ein gutes Ende gebetet hätte. Oder mir vor lauter Angst vor Übergriffen aus der Gedankenwelt von George R Stewart auf die (vermeintlich?) Harmlose Realität, die ich mein Zuhause nenne, in die Hosen zu machen drohte. Überhaupt nicht.

Im Buch geht es nämlich, ausnahmsweise, einmal nicht um eine durch unruhig schlafende Leichensäcke zu Ende. Keine Zombies also, die auf der Suche nach einem kleinen Mittertodssnack durch die Gegend streifen. Nein, diesmal haben es die Menschen auch nicht selbst verschuldet, soweit man weiß. Und trotzdem geht es einfach zu Ende.

Der Tod einer Welt

Das Ende beginnt damit, dass unser Protagonist – ein eher mäßig aufregender, junger Anthropologe – irgendwo in den Bergen von einer Schlange gebissen wird. Als er die Fieberkrämpfe und Ausschlage, das Alleinsein und die Verzweiflung endlich überwunden hat, ist die Welt nicht mehr die Gleiche.

Alles scheint wie ausgestorben. Überall finden sich nur die Spuren von vergangenen Tagen – sei es in Form von Tiefkühlware in verlassenen Kaufhäusern oder liegengebliebenen Autos. Zäune, Häuser, Straßen und Bibliotheken – die Zeichen der Zivilisation sind überall auszumachen. Nur die Zivilisation selbst nicht. Die ist, wie wir bald erfahren, an einer plötzlich aufgetauchten Seuche zu Grunde gegangen. An einer, die den Symptomen des Schlangenbisses verdächtig ähnelt.

Es dauert ein wenig – aber er weiß, dass er gut geeignet ist sich einer solchen Situation zu stellen. Seine Kenntnisse (egal ob aus dem Studium oder jene praktischer Natur) bieten ihm eine ausreichende Grundlage noch lange Zeit unter den wenigen Lebenden zu wandeln, die er sporadisch trifft. Doch welches Kraut gegen die Einsamkeit gewachsen ist, das weiß auch er nicht. Also lebt er zunächst so nahe an seinem alten Leben, wie es die Umstände zulassen. Ganz wird ihn die Welt, in der er aufgewachsen war, nie wieder loslassen.

Was wir dabei tun

Unsere Rolle dabei ist es nicht zitternd an seiner Seite zu stehen und von Bedrohungen zu lesen, denen wir selbst nie gegenüberstehen wollen. Wir sollen nicht verzweifeln, wenn die Schilderungen einer toten Welt wie langsam ansteigende Wasser von unseren Füßen bis zum Hals steigen. Vielmehr dürfen wir zusehen, wie die Geburt einer neuen Welt im Leichnam einer alten stattfindet. Einer Welt, die vielleicht urtümlicher, wilder und grausamer scheint – die aber genauso das Lachen, die Liebe und Hoffnung in sich birgt.

Stewart lässt die Ereignisse unterschiedlich schnell dahinplätschern. An keinem Punkt hat man das Gefühl durch stilistische Nadelöhre Richtung Spannung gepresst zu werden. Seine Sätze wirken oft geradezu simpel, auch wenn man dem Werk insgesamt sein Alter an der Sprache anmerkt, doch gerade durch das fehlen von Komplexität können wir erst so recht verstehen an was es dieser Welt mangelt. Es ist doch alles da! Wozu sich anstrengen? Warum an ein Morgen denken, wenn das Gestern noch nicht fertig geplündert wurde?

Die hellste Kerze am Leuchter

Stewarts kleiner Stamm, den er aus den Nachkommen der Überlebenden wachsen lässt, ist vielleicht ein dröge dahinvegetierender Haufen. Doch ein zweiter Blick genügt und schon kann man erkennen, dass es der Pulsschlag unserer eigenen Zeit, unserer Zivilisation ist, der uns zu diesem Schluss kommen lässt. Wie würden urtümlichere Völker die kleine Gruppe sehen? Kaltblütig? Schwach? Pragmatisch?

Man schüttelt das eine oder andere Mal den Kopf über soviel Dummheit – nicht ohne festzustellen, dass diese vielleicht gar nicht so abwegig ist. Wie viele Menschen leben denn bei uns nicht ihr ganzes Leben, ohne je etwas an den Umständen verändert zu haben? Die meisten von uns nehmen die Welt so wie sie ist, wie sie uns andere zur Verfügung stellen. Eigeninitiative? Eher nicht.

Und dann ist da noch die zweite Erzählstimme, die Stewart dann und wann in den Text einfließen lässt. Ein Chronist mit eigener Meinung. Jemand, der die Ereignisse nicht nur wiedergibt, sondern sie vielmehr bewertet, vergleicht und für die Nachwelt in Form hält. Eine Stimme, die uns manchmal eben jenen Kontext zeigt, den die schlichten Menschen des Stammes wohl nie zu entwickeln in der Lage wären. Oder?

Fazit

Ich empfehle „Leben ohne Ende“ all jenen, die viel Sitzfleisch besitzen und einen literarisch anspruchsvollen aber ereignisarmen, manchmal in seinem Plot vielleicht sogar auch abwegigen Post-Apokalypse-Text lesen wollen. Die Welt dreht sich langsamer, in diesem Buch. Und nicht jeder kann sich langsamer drehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.


Das Buch

ISBN 978-3-45331436-8
Preis (D) € 9.99 | (A) € 10.30
Link zum Buch auf der Website des Verlags

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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