NerdHall

Grace Hopper: Ohne Granny Cobol keine Zukunft

Manche Helden werden nicht gefeiert. Zu unrecht. Grace Hopper hat wahrscheinlich mehr für die technische Entwicklung unserer Welt getan als alle Top-Manager heute großer Konzerne zusammen.
Hinweis
Nerdhall ist meine kleine Serie über (Prä-) Nerds, die die Welt bewegen und bewegten.

Eine Übersicht findet Ihr hier.

Nerdhall: Grace Hopper

[1] Grace Hopper
[1] Grace Hopper

Im Allgemeinen sind Großeltern nicht gerade dafür bekannt sich in den Gefilden der Computer-Spiele wohl zu fühlen. Natürlich liegt auf der Hand, warum das so ist. Wer nicht mit Computern aufgewachsen ist, der hat auch keinen Bezug zu den bunten Bildschirm-Welten, die viele von uns Tag für Tag durchstreifen. Viel zu selten denken wir aber darüber nach, dass es jemand aus der Generation der Eltern unserer Großeltern gewesen sein muss, der den Weg für komplizierte Polygon-Abenteuer geebnet hat.

Computer wurden, wie die meisten technischen Errungenschaften, natürlich auch militärischen Zwecken zugeführt. Wie überall anders auch hatten waffenstarrende Pseudo-Heilsbringer also ihre Finger im Spiel, als die ersten Großrechner entsprechend programmiert wurden. Anders als heute bestand ein solcher Blechkasten allerdings nicht zwangsläufig aus der heiligen Dreifaltigkeit RECHNER-TASTATUR-BILDSCHIRM, wie sie mindestens erforderlich ist um als Computer durchzugehen. Nein. Damals war noch etwas mehr Fantasie gefragt, denn die einzigen Möglichkeiten mit diesen Geräten zu kommunizieren basierten auf den berühmten beiden Ziffern „1“ und „0“.

Strom ein. Strom aus. Das war’s. Bis heute hat sich daran eigentlich nichts geändert. Der wesentliche Unterschied zwischen dem hier-und-jetzt und der Situation damals ist, das wir heute nichts mehr von diesem 1-0-Problem verstehen müssen, um einen Computer bedienen zu können. Und das verdanken wir, zu einem großen Teil, Grace Hopper. Grandma Cobol.

Kurzer Lebenslauf

Als Grace Hopper 1906 geboren wurde, war die Welt noch eine ganz andere. In Mitteleuropa herrschten noch Kaiser und die Gebrüder Wright hatten erst drei Jahre zuvor den ersten Motorflug hinter sich gebracht. In diesem Umfeld geboren widmete sie sich der Mathematik und der Physik – beide Studien schloss sie in dem Jahr ab, in dem der erste Toaster die gerösteten Brötchen von selbst richtig verarbeitete (1930).

Der gefährlichste Satz einer Sprache ist: „Das haben wir schon immer so gemacht“

Während sie an einem der ersten Großrechner arbeitete („Mark I“), entwickelte sie bereits den nächsten mit. Der „Mark II“ ist nicht zuletzt für die wundervolle Anekdote rund um den ersten Bug bekannt, der jemals in einem Computer gefunden wurde. Dabei handelt es sich nämlich um einen Witz eines Technikers aus Hoppers Team, der eine tote Motte innerhalb des Rechners gefunden hatte. Dass der Begriff „Bug“ (dt: Käfer) allerdings auf diesen Vorfall zurückgeht ist falsch, weshalb der Satz auch den Term „actual Bug“ (frei übersetzt: echter Käfer) beinhaltet.

In den 1960ern ging „Amazing Grace“ in den Ruhestand – wurde jedoch ein Jahr später zurück in den aktiven Dienst der US-Marine gestellt. Als sie 1986 endgültig ihre Karriere beendete, war sie in den Rang eines Flottenadmirals aufgerückt.

Hopper starb in der Silvesternacht von 1992.

Damals

lochkarte
[2] Eine Lochkarte

Lange bevor die ersten Bildschirme aufkamen, benutzte man den Computer tatsächlich noch als „Rechner“. Dieses, heute vergleichsweise selten benutzte, Wort zeigt noch sehr schön die Wurzeln des Technologiezeitalters in der hohen Kunst der einfachen Mathematik. Jedes Problem musste, damit der Computer es verstand, erst in die beiden Zeichen umgewandelt werden, die man „Bits“ nennt. Bevor Windows aufkam, waren acht Bits notwendig um einen Buchstaben computertauglich zu beschreiben. So wurde aus dem großen „A“ das leicht zu merkende „01000001“. Ein kleines „a“ war „01100001“.

Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Bit-Ketten ist alles andere als ein Zufall. Die dritte stelle dieser Kette stellt nämlich (wie alle anderen übrigens auch) eine einfache Ja / Nein – Information dar. „0“ steht nämlich für „aus“, „kein Strom“ und „Nein“ – „1“ umgekehrt für „ein“, „Strom“ und „Ja“; so gesehen stellt also jedes Bit die Antwort auf eine Frage dar. Diese eben auf die Frage „Wird der Buchstabe klein geschrieben?“.

Weitere Beispiele

Die Sache ist wirklich spannend! Jedes Zeichen muss als Folge von „1“ und „0“ dargestellt werden: Sogar die Ziffern „1“ und „0“. In der Zwischenzeit benutzen wir übrigens 32-Bit oder 64-Bit-Maschinen.

Hier aber nur ein paar Beispiele für Ziffern, Buchstaben und Text in 8-Bit-Binärsprache…

Mensch Maschine (8-Bit-Darstellung)
B 01000010
b 01100010
1,2,3,4,5 00110001,00110010,00110011,00110100,00110101
Ein Satz mit Punkt. 01000101 01101001 01101110 00100000 01010011 01100001 01110100 01111010 00100000 01101101 01101001 01110100 00100000 01010000 01110101 01101110 01101011 01110100 00101110

Wer will, kann hier einen einfachen 8-Bit-Konverter für eigene Experimente benutzen. 🙂

Wie man sich leicht vorstellen kann, war das nicht besonders praktisch. Statt Bildschirmen wurde auch noch Papier benutzt. „Lochkarte“ nannte man das, wenn diese Informationen auf diese Weise (also durch das herausstanzen von Löchern) an die Maschinen übermittelt wurden. Das bedeutete auch eine Menge Papier: Je mehr Information, desto mehr gestanzte Lochkarten benötigte man. „Programmieren“ bedeutete also, diese Karten zu stanzen.

Und das ist es, was mit Granny Cobol ein Ende hatte.

Ich will das lesen können!

Man kann schon erahnen, dass es recht schwer gewesen wäre auf diese Art „GTA“ zu spielen. Oder zu programmieren. Also hatte Grace Hopper eine großartige Idee: Sie wollte den „Code“ für Menschen lesbar machen. Also schrieb sie den ersten „Compiler“ der Welt – eben jenes Programm, dass aus menschen-lesbarer Sprache binären (also 1-0 bzw Maschinen-) Code erzeugte. Sie war übrigens auch für das Techniker-Team verantwortlich, auf den die urbane Legende vom „ersten Bug in einem Computer“ zurückgeht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es ist immer einfacher [hinterher] um Entschuldigung zu bitten, als [vorher dafür] eine Genehmigung einzuholen.

Ihren Spitznamen erlangte sie, als sie die Voraussetzungen für eine neue Generation von Programmiersprachen schuf: Cobol. Aus heutiger Sicht ist es eine veraltete, selten benutzte Sprache. Moderne Programmierer empfinden sie als zu komplex und primitiv – und das aus guten Gründen. Für die Welt der 1950er war die Möglichkeit derart flexibel und schnell programmieren zu können allerdings pure Science-Fiction.

Cobol wurde der Urahne nahezu aller heute verwendeten Programmiersprachen und Grace Hopper somit zur eigentlichen Schöpferin jener Werkzeuge, die wir bis heute benötigen um Software zu entwickeln. Ohne sie hätte es also vielleicht niemals „Cobol“ gegeben. Und ohne „Cobol“ bestimmt kein „C“, welches wiederum zu den ersten objektorientierten Programmiersprachen wie „C++“ und damit zu „Java“ und „PHP“, sowie zu vielen weiteren geführt hätte. Ohne Grace also eine ganz andere, vermutlich wesentlich primitivere Welt.

Ein kleines Vermächtnis von Grace Hopper war übrigens auch der „Millenium Bug“, vor welchem im Jahr 1999 die Angst umging. Hopper hatte die Angewohnheit Jahreszahlen auf zwei Stellen zu kürzen. Da diese Methode von den Erfindern von „Cobol“ übernommen wurde (und auch weiter den Baum der Programmiersprachen empor kletterte), vermutete man große Schwierigkeiten – schließlich hätten Computersysteme das Jahr „00“ als das Jahr 1900 interpretieren können. Tatsächlich hielten sich die Schäden allerdings in Grenzen. Grace Hopper kann man jedenfalls keinen Vorwurf machen.

Wen diese Person inspirierte

Abgesehen davon, dass Grace Hopper einer Generation entsprang, in der Programmieren noch reine Frauensache war, kann man zweifelsfrei behaupten, dass sie großen Einfluss auf alle Programmierer hatte. Egal welchen Geschlechts. Wie weiter oben schon erklärt legte sie den Grundstein zu allen bekannten und erfolgreichen Programmiersprachen – und formte so das Denken von Generationen von Nerds und Computergeeks mit.

Dennoch gibt es sicherlich Personen, die von ihrer Arbeit besonders profitierten. Menschen, deren Denkweise von ihr geprägt worden war.

Dennis Ritchie

Wir alle kennen Bill Gates und Steve Jobs. An Dennis Ritchie erinnern sich nur jene, die sich mit Programmiersprachen wirklich beschäftigt haben. Auch, wenn ich mich nicht an eine direkte Verbindung zwischen Hopper und Ritchie erinnern kann, so ist es ganz sicher, dass ihre Vorarbeit notwendig war um das große Vermächtnis Ritchies zu ermöglichen: Die Programmiersprache „C“, für die er maßgeblich verantwortlich war.

Dass dieser Mann auch an „Unix“ mitprogrammierte, welches wiederum den Grundstein für „Linux“ legte (welches wiederum auf etwa 80% aller Internet-Server) ist ein weiterer Zweig jenes Baumes, den Hopper pflanzte.

Unzählige andere – mich eingeschlossen

Tja. Was soll ich sagen? Die meisten Programmierer lernen irgendwann so zu denken, wie ihre Programmiersprachen es sie lehren. So gesehen hat Hopper auch meine eigene Sicht auf die Welt geprägt. Das klingt theatralisch – aber wer tatsächlich als Programmierer tätig war (egal ob professionell oder intensiv-freizeittechnisch), der weiß wie weit es das Denken prägt. Bis heute kann ich jedenfalls nur sagen, dass ich immer davon profitiert habe.

Und damit bin ich bestimmt nicht allein.


Anmerkungen

[1] Von James S. Davis – U.S. Naval Historical Center Online Library Photograph NH 96919-KN (jpg), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=55260

[2] Von Herman Hollerith – Railroad Gazette, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5034979

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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