Diary

Es war mein Eigen, mein Schatz…

Manche Bücher haben eine eigene Geschichte. Und manchmal haben sie auch eine gemeinsame Geschichte mit ihren Besitzern. "Der Herr der Ringe" und ich - wir haben sowas. :D

Ein Wunsch

Als Kind hatte ich nicht viel Neues. Im Ernst. Meine Klamotten waren vererbt, meine Spielsachen ebenfalls – und meine Bücher waren zum größten Teil aus der Bibliothek. Mein Taschengeld machte ungefähr ein Drittel dessen aus, was die meisten anderen bekamen; daher gab es auch keine Aussicht auf Besserung. Nicht, dass ich mich beschweren möchte – aber ich brauche diesen kleinen Prolog um die Tragik des Ereignisses weiter unten besser zur Geltung bringen zu können.

Ich erinnere mich nicht mehr wo genau ich zum ersten Mal vom „Herrn der Ringe“ gehört habe. Zwar war das Buch damals nach wie vor ein Thema (in einschlägigen Kreisen, versteht sich), aber anders als heute nicht jedem bekannt. Die Filme gab es noch nicht – ergo war die Verbreitung des Stoffs nicht annähernd mit seiner heutigen vergleichbar. Jedenfalls bildete ich mir ein, mir das Buch unbedingt aneignen zu müssen. Leider musste ich allerdings feststellen, dass das nicht so einfach war. Schließlich bestand das Werk aus drei Büchern – und so viel Geld hatte ich nicht.

Ein grüner Schuber

Während meiner Teenager-Jahre galt Tolkiens Epos noch gemeinhin als „unverfilmbar“. Zwar hatte man einmal versucht einen Zeichentrick-Film daraus zu basteln, doch über den ersten Teil kam dieser Versuch auch nie hinaus. Schließlich machte sich Peter Jackson allerdings daran eine Truppe um sich zu sammeln und nach Neuseeland zu fliegen. Und im Sog dieser Nachrichten gewann das Fantasy-Genre zunehmend an Fahrt. Plötzlich wimmelte es in den Bücherregalen von Drachen und Elfen – und auch der Herr der Ringe erschien in einer Neuausgabe.

Wenn ich mich recht entsinne, war ich etwa 17 Jahre alt, als die Bücher in einer neuen Ausgabe erschienen. Ich fasste mir ein Herz, meine Ersparnisse und kaufte mir endlich das heiß ersehnte Teil: Einen Schuber mit allen drei Teilen darin. Ich weiß nicht mehr, was das Teil kostete; wenig war’s jedenfalls nicht.

Stolz verließ ich die Buchhandlung und machte mich auf den Weg nach Hause. Natürlich nicht, ohne bei einem fachkundigen Freund vorbeizuschauen – schließlich wollte ich ihm ja sofort erzählen, dass ich „endlich“ gleichgezogen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich es noch immer nicht gelesen – irgendwie wollte ich es mir einfach nicht aus der Bibliothek leihen. Jedenfalls währte mein meine Freude nicht besonders lang.

Eine Frage der Sprache

Die Übersetzung war nämlich – milde ausgedrückt – „umstritten“. Wolfgang Krege, der sich an eine Neuübersetzung des Klassikers gemacht hatte, erlitt das gleiche Schicksal wie viele, die sich eines alten, geliebten Stoffs annahmen: Er wurde von allen Seiten kritisiert. Vom „Web 2.0“ (also einem Internet, das von den Beiträgen seiner User getragen wurde) war 2000 noch nicht viel zu sehen – weshalb ihm ein „Shitstorm“ erspart blieb. Aber sein Äquivalent (also negative Mundpropaganda) war ihm sicher.

Mir wurde von allen Seiten gesagt, wie schlecht die Ausgabe nicht wäre. Zunächst war ich ein wenig gekränkt – und später musste ich leider feststellen, dass alle anderen recht hatten. Krege versuchte sich an einer originalgetreueren Übersetzung der sprachlichen Eigenheiten jeder Figur. So wurden die Zwerge derber, die Hobbits ländlicher und vor allem einzelne Begriffe moderner. Frodo wurde von Sam plötzlich „Chef“ gerufen. Wie furchtbar.

Die Idee war ja gut. Aber soooo gut nun auch wieder nicht. Ich fing das Buch an – und hörte nach dem ersten Teil wieder auf. Es war mir einfach zu mühsam über die Sprache der 1990er-Jahre eine Fantasy-Welt von diesem Kaliber und dieser Dichte zu lesen.

Ein oder zwei Jahre später kam dann der erste Teil der Trilogie in die Kinos. Mit ein wenig flauem Gefühl im Magen entschloss ich mich dazu (inzwischen ging es mir finanziell weit besser) mir den Film anzusehen. Als ich dann feststellte, dass die Figuren wesentlich passender sprachen, war ich beruhigt. Und noch ein wenig später legte ich mir endlich die Übersetzung von Carroux (rechts im Bild) zu.

Heute

In der Zwischenzeit habe ich den Herrn der Ringe natürlich mehrfach gelesen. Ich bin noch immer von diesem Buch fasziniert und habe einen großen Teil meiner diesjährigen Leseplanung auf Tolkien (der seinen 125. Geburtstag feiern würde) ausgelegt. Vor allem der von Alan Lee illustrierte Prachtband (rechts im Bild, hier in einer Rezension von LETUSREADSOMEBOOKS) hat es mir dabei angetan – und ich war sooo erleichtert festzustellen, dass man sich beim Verlag für die alte Übersetzung entschieden hatte.

Natürlich weiß ich heute Herrn Kreges Einfall und Bemühen ganz anders zu schätzen. Ich besitze zwar die Ausgabe nicht mehr. Allerdings habe ich sie erst vor zwei oder drei Jahren quasi „entsorgt“. Ein kleines Mädchen hatte eines der drei Bücher ihres Vaters nämlich irgendwie vernichtet – und suchte in unserer Buchhandlung nach genau dieser Ausgabe (die in der Zwischenzeit natürlich längst vergriffen war). Sie tat mir so leid, dass ich ihr meine schenkte und die anderen beiden Bücher (schweren Herzens) entsorgte.

Ein bisschen tut mir schon Leid um das Teil. Aber nur wegen seiner Geschichte. 😀

Und Ihr?

Wie ist das bei Euch? Erinnert Ihr Euch noch daran, auf welches Buch Ihr einmal sparen musstet, bevor Ihr es Euch leisten konntet? Oder welches Euer erstes, selbst gekauftes Buch war? 🙂

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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