Buch

Die Vegetarierin: Das langsame Kippen in den Irrsinn

Han Kangs Buch "Die Vegetarierin" ist wie ein Objekt aus Schrödingers Gedankenwelt. Ist es gut? Ist es schlecht? Ist es beides gleichzeitig? Vielleicht ist es sogar noch etwas mehr wie dessen Katze: Ein Gedankenexperiment ohne die Chance jemals so zu funktionieren.

Keine Worte

Meine Güte … wie gerne hätte ich eine Meinung zu diesem Buch. Ich habe es gelesen. Ich habe Rezensionen dazu gelesen. Ich habe Kommentare zu den Rezensionen gelesen. Aber irgendwie komme ich dem Geheimnis seines Erfolgs nicht auf die Spur.

Kurz umrissen

In „Die Vegetarierin“ lernen wir die koreanische Gesellschaft als einen von Normen, Idealen, Zwängen und absurden Vorstellungen geprägten Pfuhl kennen. Kein einziger der von Han Kang porträtierten Charaktere ist ohne gröbere Macken. Angefangen bei der Vegetarierin selbst, die erst nur in Sachen Fleisch abstinent wird und ihren geistigen Aktionsradius später überhaupt weit unterhalb der Realität ansiedelt. Ihr Mann, ein pathologisches Mauerblümchen mit den Ansprüchen eines in der Masse abtauchenden Tarnmantelträgers, ist dabei die erste Erzählstimme. Und damit ein unsympathischer Einstieg in die Lektüre.

Der Schwager der Vegetarierin wiederum, den wir als nächstes zu gut kennen lernen, hat ähnliche Probleme wie sie selbst. Nach einigen schweren Vorfällen, während denen klar wird, dass nicht nur Hauptfigur des kurzen Romans ein intellektuelles Rückzugsgefecht führt, entwickelt er das dringende Bedürfnis sich kunstvoll zu beschmieren um sich so eine feinsinnige Ausrede für den sexuellen Kontakt zu ihr zu finden.

Und schließlich finden wir heraus, dass der Fels in der Brandung, der Vegetarierin‘ Schwester, auch kaum mehr als daneben ist. Wenn auch nur knapp.

Fazit

Nein, ich weiß wirklich nicht so genau, was die Faszination des Werkes ausmacht. Außer vielleicht, dass der Irrsinn aller Beteiligten zielgerichtet auf das einzige Thema zusteuert, dass wir in der zeitgenössischen Literatur als „ernst“ begreifen. Es geht um Unterdrückung. Wer dabei von wem unterdrückt wird, ist nahezu egal. Ob nun von der Gesellschaft, der eigenen Familie, den Freunden oder einem selbst – Han Kang zeichnet ein Bild von omnipräsenter Unterdrückung in selbst den kleinsten Wellen, die auf unser Dasein einklatschen. Oder in jenen, die wir selbst auslösen.

Indem sie ihre Figuren immer weiter von der Realität entfernt, lässt sie unglaublichen Spielraum für Interpretation. Vielleicht macht das den (übrigens definitiv vorhandenen!) Eindruck des Werks aus, welches es bei allen hinterlässt, die es lesen. Vielleicht ist es gerade die Tatsache, dass wir uns eben keinen definitiven Reim darauf machen können, die es interessant macht.

Ich weiß nicht, wem ich es empfehlen soll. Umsonst gelesen habe ich es jedenfalls nicht.


Buchinformationen

Das Buch

Kang, Han
Die Vegetarierin

Aufbau Verlag
190 Seiten

(D) € 18.95 | (A) € 19.50
ISBN 9783351036539

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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