Buch

Das Leben wartet nicht: Vom Süden in die Fabrik

Manchmal überschreiten Romane die Grenze - auch zum Guten. Dann nämlich, wenn man sich nicht mehr sicher sein kann, ob sich etwas nicht genau so abgespielt haben könnte wie beschrieben. Und man das ernstlich bedauert.

Der Norden als Paradies in Ascheschwaden

Der italienische Süden ist eine Region wie keine zweite in Europa. Sein einzigartiges Flair und die nicht minder einzigartige Einstellung seiner Einwohner verleihen ihm etwas ganz und gar eigenes. Natürlich ist dort, wo die Sonne scheint, nicht immer alles so frisch wie der Duft jener Zitrusfrüchte, die wir mit ihm in Verbindung bringen – und auch nicht so leicht und fruchtig wie der Wein, der aus der Gegend stammt.

Im Gegenteil.

Bittere Armut herrschte vor – und viele junge Süditaliener machten sich noch lange vor dem Erwachsensein auf den Weg in die Städte des Nordens, die ihnen nicht nur der Temperatur und des Wetters wegen kalt und grau erscheinen mussten. Klar … vor der Abreise (und da beginnt auch jene Geschichte, die uns Marco Balzano in „Das Leben wartet nicht“ erzählt) scheint es geradezu umgekehrt: Der Süden als triste Einöde, der Norden als verheißungsvolles Paradies.

Ninetto – das Kind im Zug

Ninetto, ein Kind eben dieses armen Siziliens der Nachkriegsjahre, ist einer von jenen, die sich auf den Weg machen. Sein Vater, der nach dem Schlaganfall seiner Frau sein Leben noch schlechter im Griff hat als zuvor, schickt seinen Sohn mit einem gemeinsamen bekannten los um in einer der Fabriken des Nordens ein besseres Leben aufzubauen, als es vor Ort möglich gewesen wäre. Doch schon kurz nach der Ankunft entpuppt sich Mailand nicht als farben- und formenprächtiges Paradies, sondern als Moloch für die Ausbeutbaren und Verzweifelten.

So lebt der Junge in einer „Bienenstock“ genannten Behausung; gemeinsam mit Unmengen anderer Glücksritter aus den Provinzen des Landes. Zunächst verdingt er sich als Bote einer Wäscherei deren Inhaberin ihn aber – wie sie es mit jedem Süditaliener gemacht hätte – lieblos und ohne Mitleid behandelt. Doch auch, wenn die Zeiten hart, die Arbeit schwer und die Gesellschaft nicht immer eine gute ist; der Junge trägt die oftmals verblüffende Leichtigkeit der sonnendurchtränkten Heimatlande im Herzen und lässt sich nicht aus der Bahn werfen.

Als er endlich, nach vielem Auf und fürchterlichem Ab, eine Gelegenheit bekommt die Schauplätze seines Lebens als alter Mann noch einmal zu durchstreifen, wird er etwas in den in Mailand nunmehr lebenden Afrikanern und Chinesen erkennen, was er schon lange überwunden glaubte: Seine eigene Vergangenheit.

Glaubwürdigkeit

Das Buch erzählt also von jenem schweren Stand, den die Nachkriegsarmut den jungen Menschen aus den ärmeren Regionen Italiens beschert haben. Marco Balzano ist dabei sicherlich der richtige Autor dafür – seine eigenen Eltern waren aus dem Süden nach Mailand ausgewandert um den gleichen Verheißungen zu folgen wie sein Protagonist Ninetto. Man merkt, dass er weiß wovon er spricht, wenn er von den Entbehrungen und Zuständen in diesen Tagen spricht.

Obwohl das Buch zweifelsfrei einen Bogen von dieser Zeit in die heutige spannt, kommt es nicht oberlehrerhaft daher. Vielmehr entwickelt sich die Geschichte des Jungen zu jener des jungen Mannes und schließlich des Alten, ohne damit je aufgesetzt oder zu sehr geplant zu wirken. So kam es mir an manchen Stellen vor, als würde sich zu wenig Bewegen – im Bezug auf die Erzählung.

Liest man es aber nicht als Roman im eigentlichen Sinne, sondern stellt es sich als eine Art Biographie vor, so ändert sich all das – und was bleibt ist die gelungene Nacherzählung eines Lebens, deren Glaubwürdigkeit sicherlich der größte Bonus des Buches ist.

Ohne Umwege

Auch die einfache, klare Sprache, derer sich Balzano bedient und deren – soweit man das ohne die Lektüre des Original-Textes sagen kann – Übersetzung ist ein Pluspunkt des Buches. Hie und da sind italienische Begriffe unübertragen zu lesen, was aber dem Flair des Buches keinesfalls schadet, sondern (meiner Meinung nach) eine gute Entscheidung war: So vergisst man, trotz aller Ähnlichkeiten der beschriebenen Situationen mit Schicksalen in anderen Städten, nie, dass man sich noch immer in Italien befindet. Jeden Italien, das vor allem im deutschen Raum eher als Urlaubsland wahrgenommen wird.

Man kann mit diesem Roman viel über die Unterschiede zwischen den Regionen Italiens (oder besser noch: über jene zwischen Süd- und Mittel- oder Nordeuropäischen Landen) lernen. Und darüber, wie man sich selbst unter schwierigsten Bedingungen durchs Leben bringt. Wenn auch sicherlich nicht so, wie ich selbst (oder er) es sich gewünscht hätte.

Wie lesen?

Während der Lektüre dieses Buches empfiehlt es sich übrigens durchaus ein paar Weintrauben und das eine oder andere Duftlämpchen mit Zitrusöl zu Hause zu haben. Denn auch, wenn es an der einen oder anderen Stelle recht hart zugeht: Die Sonne des Südens schimmert durch jede Zeile. Ihr werdet es jedenfalls bitter bereuen, wenn Ihr nicht die richtige Atmosphäre schafft. 😀

Fazit

Lasst uns zusehen, dass solche Lebensläufe – wenn sie denn in Büchern und Zeitungen beschrieben werden – nicht mehr so glaubwürdig sind. Wer gerne von menschlichen Schicksalen liest oder sich Biographien vornimmt, dem kann ich das Buch sehr ans Herz legen. Auch jenen, die vielleicht (so wie ich) nicht so sehr angetan waren von André Hellers „Das Buch vom Süden“ (Meine Rezension) kann ich es empfehlen. Diesem Roman gegenüber stellt sich „Das Leben wartet nicht“ nämlich als eine Art „bodenständiger Gegenentwurf“ dar.

Aber vielleicht macht die Lektüre beider den größten Reiz aus.


Buchinformationen

Marco Balzano
Das Leben wartet nicht

Diogenes Verlag
304 Seiten

(D) € 22.00 | (A) € 22.70
ISBN 9783257069839

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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