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Das Jahr des Taschenbuchs 2016: Über Taschenbücher

Taschenbücher sind für alle, die sich gebundene nicht leisten können. Oder? Warum ich Taschenbücher kaufe - und welche Texte ich definitiv lieber in Leder gebunden hätte...

Retten wir das Taschenbuch?

Eine Aktion, an der ich mich beteiligt habe: Das Jahr des Taschenbuchs

Im Abwehrkampf gegen die Konkurrenz anderer Medien hat die Buchbranche das Wort „haptisch“ gefunden. So will es zumindest die Legende. Die Art und Weise, wie wir unsere Bücher benutzen – wie wir sie halten, wahrnehmen, lesen – ist tatsächlich ein wichtiger Faktor in unserem Erleben von Literatur; davon bin ich überzeugt. Shakespeares Werke wirken einfach doppelt so beeindruckend, wenn sie in einem ledergebundenen Prachtband stecken, anstatt in einem grell-gelben Reclam Heft. Nichts gegen Reclam, versteht sich. Aber es ist eben etwas anderes.

Hat also jeder Typ Buch seine Berechtigung? Hat jeder einen Zweck? Und wenn ja – wie lautet dieser im Hinblick auf Taschenbücher?

Natürlich ist das Taschenbuch in erster Linie billig. Behalten wir doch Shakespeare als Beispiel. Zunächst müssen wir den Unterschied zwischen den angesprochenen Formaten klären: Da hätten wir den ledergebundenen Prachtband auf der einen und das geklebte kleine Taschenbuch auf der anderen Seite. Ignorieren wir einmal für einen Moment etwaige vegane oder veganistische Neigungen und konzentrieren uns auf die Tatsache, dass Ledereinbände nicht nur Tradition und Geschichte haben, sondern vor allem auch einen gewissen Wert. Sie sind selten – und das allein macht sie (und nein, das gilt nicht für jede Publikation in niedriger Auflage) in der Buchwelt wertvoll.

Das Taschenbuch ist das ganze Gegenteil davon. Es wird meist produziert um einen Text in großer Zahl zu verbreiten. Jedenfalls in größerer Zahl, als wenn er ausschließlich in gebundener Form gedruckt worden wäre. Die meisten Texte erscheinen erst dann als Taschenbuch, wenn die Hardcover-Variante für den Verlag kein Zugpferd mehr darstellt. Der neue TC Boyle etwa wird zunächst als gebundenes Buch herausgebracht; erst ein Jahr später (frühestens) kommt dann mit dem Taschenbuch sozusagen die „Volksausgabe“. Und da hätten wir es schon wieder: Das gebundene Buch für alle, denen Literatur etwas wert ist; das Taschenbuch allen, die einfach nur lesen wollen.

Die dritte Variante

Als Buchhändler habe ich es mit vielen Menschen zu tun, die eine der Varianten bevorzugen – und mit vielen Verlagen, die sich eine der beiden Varianten kaum noch leisten können. Denn während die Preise für Benzin, Gold und Immobilien ständigen Schwankungen unterworfen sind, bleibt der Buchpreis nahezu konstant. Natürlich bezieht sich meine Beobachtung auf Deutschland und Österreich, die durch die Buchpreisbindung einer verheerenden Abwärtsspirale entgangen sind. Aber diese Bindung funktioniert – aus unterschiedlichen Gründen – in beide Richtungen: Einmal nach unten (also gegen große Anbieter denen sie einen Wettbewerb mit kleinen Buchhandlungen untersagt) und einmal nach oben (wenn sie wie ein Knebel funktioniert, den der Verlag sich selbst in den Mund gesteckt hat).

Die Preise sind eben seit Jahren bekannt. Kostet ein Buch einmal unerwartet mehr verziehen Kunden das Gesicht. Nicht selten wenden sie sich ab.

Eine in letzter Zeit beliebte Taktik ist es daher, eine dritte Form der Buchproduktion einzubringen: Das „broschierte Buch“ (salopp oft auch „das Kartonierte“ genannt, obwohl streng genommen auch das Taschenbuch Kartoniert ist). Im Grunde handelt es sich dabei um ein etwas „besseres“ Taschenbuch, dessen Umschlag aus höherwertigem, stärkerem Papier besteht und durch das Einklappen überstehender Teile noch einmal verstärkt wird. Es hat durchaus Tradition, wurde aber eine ganze Zeit lang vernachlässigt. Preislich liegt es jedenfalls meist genau zwischen „Gebunden“ und „Taschenbuch“.

Auf Kaufwillige hat das einen interessanten Effekt. Aber dazu erst später.

Selbstbetrug, Kostengründe und gelegentliche Wahrheit

Oft werde ich gefragt, ob ein bestimmtes (zumeist neues) Buch nicht auch als Taschenbuch erschienen wäre. Der Glaube daran, dass Bücher grundsätzlich auch in einer leichteren, billigeren Variante vorhanden sein müssten ist genauso weit verbreitet wie die Unkenntnis von der Buchbindung. Vielleicht sogar noch weiter, denn während wir nur selten darauf hinweisen müssen, dass Buchpreisvergleiche in unserem Raum eine eher fruchtlose Angelegenheit sind, erwähne ich doch beinahe täglich, dass eine Taschenbuchvariante noch mindestens ein Jahr, eher eineinhalb, auf sich warten ließe.

„Oh. Na … dann warte ich lieber. Es ist in der Tasche ja doch so schwer.“, höre ich dann oft. „Das gebundene ist so groß.“ Oder ähnliches.

Ich schätze, dass das in vielleicht fünfzig Prozent aller Fälle der Wahrheit entspricht. Dabei könnte es mir doch wirklich egal sein. Ich verdiene zwar an einem gebundenen Buch etwas mehr, persönlich ist es mir aber völlig egal ob jemand nun aus Kostengründen lieber auf das Taschenbuch wartet. Ähnlich, wie ich bei einem befreundeten BMW-Händler davon ausgehe, dass es ihm nichts ausmacht, wenn ich einen FORD fahre.

Interessant dabei ist jedenfalls die Tatsache, dass es einem signifikanten Teil der Bevölkerung etwas auszumachen scheint zuzugeben, dass sie Taschenbücher aus dem Grund bevorzugen, aus dem man sie überhaupt erst produziert: Weil sie eben billiger sind.

Meiner Erfahrung nach sind Krimi-Leser auf diesem Sektor die ehrlichsten. Sie kaufen ihren Lesestoff oft lieber als Taschenbuch, weil es sich dabei ja eben „nur um einen Krimi handelt“. Etwas, das man wegliest und es dann vergisst. Richtige Literatur würden sie ja doch lieber als gebundenes Buch kaufen. Dass die meisten beinahe ausschließlich Krimis lesen sei dabei vernachlässigt. Es ist ihr gutes Recht.

Es bleibt das eine: Taschenbücher gelten, zumindest in der Welt der Bibliophilen, gewissermaßen anrüchig. Auch mein eigenes Urteil ist ja nicht wertfrei. Schließlich gehe ich in etwa der Hälfte aller Fälle, in denen ich jemandes Gründe dafür ein gebundenes Buch nicht zu kaufen höre, davon aus, dass in Wahrheit das Geld das Problem ist. Liegt es da nicht nahe, dass ich Taschenbuchkäufer eher verdächtige zu knausern?

Kartoniert

Die Verlage selbst können von den Taschenbüchern kaum noch leben. Zu lange haben sie deren Preise nicht angepasst; nun sitzen sie in der Klemme. Erhöhen sie die Preise, so hätten die Kunden kein Verständnis dafür. Zumindest geht man davon aus. Natürlich erzählen Leser gerne davon, dass man das Kulturgut Buch retten müsste – die meisten meinen damit aber, dass andere mehr lesen sollten. Davon mehr für ein Buch zu zahlen halten am Ende nur die wenigsten etwas.

Natürlich gebe es noch die Möglichkeit billiger zu produzieren. Ich bin kein „Verlagsmensch“, gehe aber davon aus, dass man in Sachen Qualität noch ein wenig nach unten schrauben könnte. Besonders der amerikanische Markt macht es vor: Dort zerfallen die Paperbacks (übrigens auch deshalb in Wahrheit nicht mit unseren Taschenbüchern vergleichbar) schon, wenn man während des Lesens von Seite 3 niest. Dafür aber ist das Ding so günstig, dass man sich notfalls ein neues kaufen kann wenn der Schnupfen vorbei ist. Aber wer will das schon? Vielleicht ist das auch gar nicht möglich – ich will hier nicht so tun, als wäre ich der absolute Experte. Fest steht, dass das für die meisten nicht in Frage zu kommen scheint. Der Preis muss nach oben, nicht die Qualität nach unten; das scheint die Devise zu sein.

Also erfand man das broschierte Buch. Das „Kartonierte“ eben. Es ist im Grunde ein etwas größeres Taschenbuch, erlaubt aber eine kleine Preissteigerung, weil es eben nicht das Gleiche ist. Die Hoffnung hinter diesem Schritt ist simpel: Natürlich kann das Kartonierte kein Taschenbuch ersetzen. Es ist aber trotzdem billiger als das Gebundene – und setzt so die Hemmschwelle zum Kauf einer absoluten Neuerscheinung herab.

Ein Buch, das in Wien gebunden also € 20.60 kostet würde der Kunde eventuell liegen lassen, weil er auf das € 10.20 Taschenbuch wartet. Aber wenn er nur für nur nur wenige Euro (zwischen € 3.- und € 5.-) mehr die Wartezeit von etwa einem Jahr „vorspulen“ kann – wird er da nicht schwach? Rettet am Ende diese Sorte Buch den Verlag?

Ich weiß es nicht. Meiner Erfahrung nach geht die Strategie nur zum Teil auf. Denn tatsächlich hat das Taschenbuch seine Anhänger – wie man nicht zuletzt auch am „Jahr des Taschenbuchs 2016“ sehen konnte; einer Aktion von Buchbloggern, die dem geliebten Format den Rücken stärken wollten (ohne es deshalb gleich zum gebundenen Buch zu machen, wie ich anmerken möchte).

Zurück zum Taschenbuch

Meist ist das broschierte Buch kein Ersatz für das Taschenbuch. Neben dem Preis gibt es nämlich noch andere Vorteile, die so ein kleineres, leichteres Buch für sich verbuchen kann. Es ist zum Beispiel (*tada*): Leichter und kleiner.

Es hat außerdem einen ganz eigenen Charme, wie ich finde. Als „Schund“ gilt schnell einmal was – und die „Genre-Literatur“, wie es im Feuilleton meist abwertend heißt, sogar noch schneller. Science-Fiction, mit der ich mich viel auseinander gesetzt habe, oder eben Krimis sind davon rasch betroffen. Zugegeben – heute hat das Feuilleton kaum noch Einfluss auf die Leserschaft. Kaum – nicht keinen. Trotzdem blieb bestimmten literarischen (oder eben absolut nicht literarischen!) Gattungen das Verruchte. Das Verknitterte. Ein SciFi-Roman, den man schnell in der Innentasche der Jacke verschwinden lassen kann – das hat Stil! Ein Krimi, den man an der schlecht beleuchteten Bushaltestelle aus der Tasche zieht; das fühlt sich toll an.

Wie sieht das aber mit Sachbüchern aus?

Meine Gründe

Auch ich selbst kaufe also Taschenbücher. Wenn ich etwas festgestellt habe, während des Jahrs des Taschenbuchs, dann vor allem auch die Grenzen meiner Zuneigung zu diesem Format. Wie gerade beschrieben: Ich liebe den pseudo-Schund. Aber ich mag eben auch Bücher mit Gehalt. Und – ehrlich gesagt – auch das tolle Aussehen eines gebundenen Buches im Regal. Ein Taschenbuch wirkt in der Masse besser – aber ein einzelnes gebundenes Buch ist schon etwas anderes.

Sachbücher zum Beispiel. Ich habe festgestellt, dass ich sie zwar als Taschenbücher kaufe; sie aber doch lieber als gebundene Bücher hätte. Hier kommt bei mir dann aber der Kosten-Aspekt zum Tragen; schließlich sind ihre gebundenen Varianten oft teurer als äquivalent produzierte Romane. Meine Liste der gekauften Taschenbücher ist also durchaus auch deshalb so zustande gekommen, weil ich mir die anderen Ausgaben nicht leisten konnte oder wollte.

Daran ist nichts schlechtes.

Ich würde ja auch keinen Mercedes fahren, bloß weil andere den schöner finden. Ich fahre Ford, weil ich ihn mag und ich mir keinen Jaguar leisten kann. So einfach ist das. Lest also Shakespeare als Reclam. Wenn er Euch gefallen hat, dann kauft ihn eben in einer schönen Ausgabe. Also: Retten wir das Taschenbuch. Weil es seine Berechtigung hat. 🙂

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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