Buch

Das Buch vom Süden: Intellektualität vor Bedeutung?

André Hellers "Das Buch vom Süden" ist eine schwermütige, manchmal überladen intellektuelle Hommage an ein vergangenes Zeitalter.

Geist statt Esprit

Ich habe nichts gegen Intellektualität. Ich habe auch nichts dagegen, diese dann und wann zum Einsatz zu bringen. Auch (oder vielleicht sogar: besonders) dann nicht, wenn man sein Herzblut in einen Roman steckt. Manchmal aber … ja, manchmal sollte man seine Virtuosität im Umgang mit Worten ein wenig zaghafter einsetzen. Es gibt eben ein „Zuviel“. Und in einer Geschichte, die eigentlich von einem „zu Wenig, mitten im Überfluss“ erzählt sollte die Eleganz wenigstens hie und da auch ohne den Prunk auskommen, den ausufernde Sprachbilder und Aneinanderreihungen teils nicht mehr geläufiger oder benutzter Phrasen und Worte bedeuten.

Ein Leben

André Heller erzählt im „Buch vom Süden“ die Geschichte des Julian Passauer. Als Spross einer gut situierten Familie (der Vater ist Museumsdirektor in Wien) wächst er kurz nach dem Weltkrieg in einem von seiner eigenen Kleinheit gelähmten Österreich auf. Wir durchleben sein Erwachsenwerden, seine ersten Kontaktaufnahmen zum anderen Geschlecht und schließlich sein Aufblühen und Verwelken als Lebemann erster Güte. Der Wunsch nicht nur im Süden, also in unmittelbarer Nähe zu Mittelmeer und Zypressen, zu leben; sondern sich gewissermaßen vollständig mit ihm und seinen ihm zugeschriebenen Attributen zu identifizieren ist der Mittelpunkt der sprachlich ausgefeilten Erzählung. Und nicht nur das. Überhaupt sind es die Lebensentwürfe eines Menschen einer uns schon längst nicht mehr verständlichen Welt, von denen Heller in seinem Buch zu berichten weiß.

Julian ist ein Taugenichts. Sein Vater ein nicht ganz einfacher, von seinen dramatischen Erlebnissen während des Weltkriegs gebeutelter Mann. Seine Mutter, die ein gefühlsbetontes, zweites Leben führt, eine andere Frau als Julian ahnt. Er selbst ist erst unwissentlich Schüler eines ungewöhnlichen Mentors, ehe er zum Mündel eines noch ungewöhnlicheren Lehrers wird. Und dann lebt er sein Leben mit drei Frauen, die unterschiedlicher und gleicher nicht sein könnten.

Tour de Force

Es ist nicht unbedingt ein ständiges Bergauf in Julians Leben. Für mich, als Leser, allerdings fühlte sich die eine oder andere Passage des Textes an wie ein Berglauf. Hellers Betrachtungen (und seine Art über das Leben, das Universum und den ganzen Rest zu sinnieren) durchtränken jede Zeile des Buches auf eigenwillig reichhaltige, manchmal übertrieben schwere Weise. Als Wiener kann ich viel von dem Nachvollziehen, was er schreibt. Die Stadt vererbt ihren Kindern nicht zuletzt eine gewissermaßen unabschüttelbare Schwermut, die wie eine Milchglasbrille vor unseren Gesichtern die Farben oft unnötig eintrübt und die Welt vor unseren Augen verwischt als würde es beständig regnen.

Dass aber nicht nur Julian, der dieses Erbe quasi für Außenstehende erklären soll, sondern auch alle anderen von diesem Wesenszug geprägt sind; das ist freilich eine der größten Schwächen des Romans. Für mich zumindest. Egal um wen es sich handelt und welche Einstellung ihm zu eigen ist; wannimmer die Sichtweise einer Figur beschrieben wird tut Heller das mit seinen Worten. So entsteht der Eindruck, die zweifelsfrei elegante Sprache vermischt sämtliche Zutaten des Buches zu einem festen Klumpen, der zwar zum Protagonisten, nicht aber zu den meisten anderen Charakteren passt.

Rückblicksbrei

Ich bin mir nicht sicher, ob ich verständlich machen konnte, was mir „Das Buch vom Süden“ ein wenig verleidet hat. Vielleicht bin ich auch zu kritisch. Auch ist mir klar, dass es eben ein Buch der Sehnsucht, Nachdenklichkeit und Langsamkeit sein soll. Aber zumindest an einigen Stellen hätte es an ein wenig mehr Vielfalt im Stil wachsen können.

Was das Buch allerdings gut macht, ist einen Einblick in Leben und Denkweise jener Generation von in Wien geborenen zu bieten, die eben kurz nach dem Weltkrieg zur Welt gekommen waren. Es bietet eine gelegentlich rührselige Sicht auf eine Welt, die nur durch wenige Jahre von unserer getrennt doch Welten entfernt ist.

Und darüber hinaus kann man auch vielen Ausdrücken begegnen, die heute aus der Wiener Alltagssprache verschwinden. Nicht, dass ich den meisten davon eine Träne nachweinen würde. Aber konserviert gehören sie schon.

Fazit

Ich kann das Buch leider nicht universell empfehlen. Wer gerne einen Blick zurück wirft, wer sich gerne in abschweifenden Gedankengängen und umwerfenden Formulierungen verliert, der könnte allerdings auf seine Kosten kommen. Langsamkeit ist etwas, das uns abhanden gekommen ist. Diese Seiten bringen sie elegant zurück.

Und wer dieses Buch als Hörbuch konsumiert, dem wird es von Heller persönlich vorgelesen. Auf dessen Wunsch hin übrigens nicht als Studioaufnahme, sondern quasi von zu Hause aus. Das irritiert anfänglich, ist aber bald überwunden…


Buchinformationen

Heller, André
Das Buch vom Süden
Zsolnay Verlag
336 Seiten

(D) € 24.90 | (A) € 25.60
ISBN 9783552057753

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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