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Cecilia Payne: Das Licht der Sterne

Die Geschichte der jungen Engländerin zeigt, dass wissenschaftlich-nerdige Geister oft weit gehen um ihre Ziele zu erreichen. Und, dass sich der Kampf oft lohnt. Für uns alle...
Hinweis
Nerdhall ist meine kleine Serie über (Prä-) Nerds, die die Welt bewegen und bewegten.

Eine Übersicht findet Ihr hier.

Nerdhall: Cecilia Payne

cecilia payne
Cecilia Payne [1]

Wer heute behauptet, dass die Erde flach sei, der hat vor allem eines: Schlechte Karten. Im doppelten Sinne. Denn nicht nur, dass es besser wäre von einem derart verblendeten Zeitgenossen keine solchen anfertigen zu lassen, kann dieser seine Behauptung auch nicht argumentieren. Deshalb ist die „Flache-Erde-Theorie“ auch vollständig ausgestorben.

Sollte man meinen. Denn tatsächlich gibt es auch heute noch Anhänger dieser schwer begreiflichen Retro-Welle, wie uns gelegentlich zu Ohren kommt.

Gegen so manchen sturen Esel helfen manchmal eben auch keine Beweise. Das gilt für das vermeintliche Fußvolk ebenso wie für die akademische Gemeinschaft – auch wenn letztere das nicht gerne hört. Bis heute gilt, dass Geld jede Menge Talent kompensieren kann – heute vielleicht sogar noch mehr als damals. Denn zu dem Zeitpunkt als Cecilia Payne ihre Karriere begann reichte schon ein Y-Chromosom aus um so einiges wett zu machen.

Dumm für Payne war, dass sie nicht über diese biologische Qualifikation verfügte. Also nicht jene Art von Qualifikation, die man benötigt um in der Wissenschaft die richtigen (oder – wie in ihrem Fall – sogar brillanten) Schlüsse zu ziehen, nein. Eher jene Sorte Qualifikation, die einem dabei hilft, dass die eigenen Schlüsse überhaupt gehört werden. Als Frau im beginnenden 20. Jahrhundert hatte sie recht. Doch leider war das alles, was sie hatte.

Kurzer Lebenslauf

Cecilia Payne wurde 1900 in England geboren. Ihr Vater starb, als sie gerade einmal 4 Jahre alt war, was ihre Mutter dazu zwang sie und ihre Geschwister alleine aufzuziehen. In dieser Zeit gingen Mädchen und Jungs noch getrennt zur Schule, weshalb ihr erster Kontakt mit der schulisch-akademischen Männerwelt erst stattfand, als sie 1919 ein Stipendium für Harvard gewann. Sie schloss ihre darauffolgenden Studien regulär ab und scheiterte in nur einem einzigen Punkt: Männlichkeit. Ein, wie es scheint, entscheidendes Kriterium – denn bis 1948 weigerte Harvard sich Titel an Frauen auszugeben.

Doch der Drang sich weiterzuentwickeln siegte über jede Bequemlichkeit. 1923 wanderte Payne in die USA aus, die zu diesem Zeitpunkt (und vor allem: relativ zur alten Welt) wesentlich fortschrittlicher waren. 1925 promovierte sie am Radcliff-College, das inzwischen zu Harvard gehört.

Ihre Dissertation war bemerkenswert, stellte sie doch das weithin akzeptierte Wissen ihrer Zeit gänzlich in Frage. Sie erkannte, dass das in seine spektralen Bestandteile zerpflückte Licht von Sternen nicht deren Zusammensetzung, sondern vielmehr deren Grad an thermischer Ionisation widerspiegelte. Klar … eine Erkenntnis deren Popularität auch heute noch knapp unter dem Sieg einer Mannschaft bei der Europameisterschaft liegt – und doch unendlich viel wertvoller. Sie schloss, dass die Sonne hauptsächlich aus Wasserstoff und Helium bestehen musste (während ich, nach einigen Fußballer-Interviews eher auf ein Vakuum in deren Köpfen schließen möchte).

Ihr Mentor, Henry Russel, drängte sie letzteren Schluss in ihrer Arbeit zu relativeren. Warum genau ist mir nicht bekannt – er schien dafür allerdings wissenschaftliche Gründe zu haben. Oder vielleicht zu feige zu sein die entsprechenden Debatten zu führen. Wie auch immer: erst 1929 erkannte er seinen Fehler. Und obwohl er Paynes Arbeit in seinen eigenen erwähnte, wurde ihm diese Leistung angerechnet anstatt der Frau aus England.

Payne selbst begann 1956 als Professorin an der Universität Harvard und setzte sich erst 1966 zur Ruhe.

Wen diese Person inspirierte

Paynes Arbeit und Persönlichkeit inspirierte viele Menschen sich akademisch zu engagieren. Ihr eigener Lebenslauf zeigte, dass sich so mancher Kampf lohnte – egal ob gegen wissenschaftliche Dickköpfigkeit oder gesellschaftliche Vorurteile.

Frank Kameny

Frank Kameny war ein amerikanischer Astronom, der unter der Leitung von Cecilia Payne promovierte. Wie sie auch hatte er einen Makel an sich, der für seine Karriere tödlich war: seine Homosexualität. Dieser Umstand führte 1957 zu seiner Entlassung aus der Army und 1961 zu seiner Beteiligung an der Gründung „Mattachine Society„. Bemerkenswert an seiner Person war, dass er als erster der Mut aufbrachte die Army zu verklagen, weil sie ihn auf Grund seiner Sexualität (nicht Qualifikation) entlassen hatte.

Annie Jump Cannon

Cannon wurde ursprünglich zum simplen Katalogisieren von Sternen nach Daten verdonnert, die man zum damaligen Zeitpunkt schlicht noch nicht verstand. Mit anderen Worten: Sie wusste nicht so recht, wozu das, was sie tat, eigentlich gut sein sollte. Zumindest am Anfang nicht. Denn je mehr sie sich mit den Daten befasste, desto mehr erkannte sie ein Muster, das zuvor allen entgangen war. Heute gilt sie als die Person, auf die endlich die richtige Ordnung in das Spektralklassensystem zur Einordnung von Sternen zurückgeht.

Übrigens: Cannons Daten waren es, die es  Cecilia Payne ermöglichten nachzuweisen, dass Helium und Wasserstoff die Hauptbestandteile der Sonne waren. Die beiden arbeiteten einige Zeit zusammen und spornten sich wohl gegenseitig an. 🙂


Anmerkungen

Für das Titelbild gilt: Von Smithsonian Institution from United States – Cecilia Helena Payne Gaposchkin (1900-1979) Uploaded by , No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18877957

[1] By Smithsonian Institution from United States – Cecilia Helena Payne Gaposchkin (1900-1979) Uploaded by , No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18877953

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

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