Buch Stephen King Mai 2017

Carrie: Erst das Blut, dann die Wunden…

Als eines der Frühwerke Stephen Kings ist das einzige, was man Carrie vorwerfen könnte, dass es verhältnismäßig wenig komplex ist. Aber wer will dieser Geschichte schon etwas vorwerfen?

Dieses Buch habe ich auch im Rahmen des „Stephen King Mai 2017“ gelesen.

Waschraumwahnsinn

„Carrie“ ist nicht die erste Geschichte, die Stephen King je zu Papier gebracht hat. Ganz bestimmt nicht. Nein, King hat schon als Kind damit begonnen seine Gedanken aufzuschreiben. Sein Vorbild waren dabei Stories, die er einfach nur nacherzählen wollte – und bis heute verhält es sich so, dass er große Teile seiner Texte bestimmten Vorbildern nachempfindet.

So kann man die Sprache seiner Antagonisten (eigentlich auch seiner Protagonisten, wenn ich’s mir recht überlege) schon in alten Krimis und Noir-Erzählungen wiederfinden, die teilweise lange vor seiner Geburt geschrieben wurden. Die Art und Weise, wie die Figuren dort sprachen – also durchsetzt von Flüchen und voller Abscheu gegenüber nahezu jedem Gesprächspartner – hat er bis heute in seinen Meisterwerken (und den weniger bedeutenden „Zwischendurchtexten“, die er bei jeder Gelegenheit aus dem Ärmel zu schütteln scheint) behalten.

So ist also auch schon „Carrie“ von eben diesem Geist beseelt, der vor allem seine Schreibperiode in den 1980ern durchsetzt. Hass ist überall – und gerade an jenen Orten, an denen man ihn nicht in dieser Stärke erwartet, entfaltet er sein großes Potenzial. Denn die Namensgeberin des Buches, Carrie, ist eigentlich ein bedauernswertes Mädchen auf der Highschool, deren ganzes Pech es ist, von der falschen Mutter und unter den falschen Umständen zur Welt gekommen zu sein.

Blut

Nicht immer ist es eine offene Wunde, die einem das Blut am Körper herabrinnen lässt. Doch dieses Wissen fehlt Carrie, als sie in den Umkleideräumlichkeiten ihrer Schule unter der Dusche steht und, umgeben von und verstärkt durch ihren Klassenkameradinnen, einen Panikanfall erleidet. Sie weiß nicht, was es mit diesem Blut auf sich hat. Sie weiß nicht, wozu sie die kleinen weißen Dinger, die ihr nun von überall her entgegengeschleudert werden, benutzen muss. Was soll sie verstopfen?

Ihre Tränen interessieren ihre Mitschülerinnen nicht, und (wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst ist) auch ihre Lehrerin nicht besonders. Gut … sie löst die Situation auf; aber mehr aus Pflichtgefühl denn aus sonst irgendeiner Motivation heraus. Schließlich ist Carrie vor allem auf unangenehme Weise zurückgeblieben. Ein Klotz am Bein, irgendwie.

Jedenfalls gelingt es ihr, die Situation so lange zu beruhigen, bis Carrie nach Hause muss. Dort wartet nämlich ihre psychopatische Mutter, deren religiöser Wahn sie stets zu neuen Ufern an den Gestaden des Wahnsinns treibt. Blut, das aus dem Inneren kommt? Sünde! Nichts weiter als das, was von ihrer verkommenen Tochter zu erwarten war. Der Teufel selbst steckte wohl dahinter.

Als der Abschlussball näher rückt, wird auch die Menge an neuen Eindrücken größer, die auf das Mädchen einströmt. Die Mutter erhöht den Druck, die Mitschüler erhöhen den Druck – alles strömt auf sie ein wie eine Flutwelle, die unmöglich von der bröckeligen Hochwassermauer gehalten werden kann, die Carrie ihren Verstand nennt. Und doch hält die Welle eine Weile – noch bevor sie über die Mauer schwappt. Denn Carrie ist anders als die anderen. Ihre bloße Willenskraft reicht nämlich aus um Gegenstände zu bewegen und … ja. Um Leid zu verursachen.

Anfängerglück?

Eigentlich ist der Plot kurz und die Geschichte schnell erzählt. Und: Carrie zählt bestimmt nicht zu den komplexesten Geschichten, die der König des Grauens je erdacht hat. Trotzdem ist sie lesenswert. Um nämlich dem Horror ein wenig Körper zu verschaffen hat King die eigentliche Story zusätzlich mit fiktiven Sach- und Fachbuchinhalten durchsetzt; gerade so, als ob dieses Ereignis, auf das der sich aufbauende Leidensdruck zusteuert, tatsächlich stattgefunden hätte. So, als habe danach wirklich eine Komission ihr bestes getan, um dieses übernatürliche Ereignis zu verarbeiten, es kraft der eigenen Kenntnisse und dem, was man über die Welt an Wissen als „gesichert“ ansehen darf, zu erklären.

Vielleicht ist „Carrie“ der perfekte Einstieg in Stephen Kings Gedankenwelt. Ich empfehle es also allen, die sich mit seinem Werk einmal näher befassen wollen. 🙂


Buchinformationen

Stephen King
Carrie

Bastei Lübbe Verlag
320 Seiten

(D) € 9.99 | (A) € 10.30
ISBN 9783404169580

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

2 Comments

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Dein Senf:

  • Hallo Daniel,

    eine schöne Rezension, die nicht zuviel verrät. Carrie liegt noch hier und ich werd es definitiv dieses Jahr noch lesen. Ich bin glücklicherweise nicht von einem Film beeinflusst und kann relativ unvorhereingenommen an die Geschichte ran gehen.

    Ich weiß nicht, ob Du es an anderer Stelle irgendwo geschrieben hast – Sorry, falls ich da was übersehen habe – aber welcher King war denn dein erster bzw. welche muss ich UNBEDINGT (neben ES) noch lesen?

    Abschließend vielen Dank fürs mitmachen, deine Kommentare & retweets! Es hat Spaß gemacht, mit Dir King zu entdecken! 🙂

    Viele Grüße,

    Jemima

    • Liebe Jemima,

      danke, danke – auch mir hat’s Spaß gemacht. Und … tut mir Leid, dass ich erst jetzt zurückschreiben kann. 🙁

      Wie auch immer. Ich glaube „Needful Things“ ist es definitiv wert noch gelesen zu werden. Sein Plot gehört (möglicherweise bis auf das Ende…) wohl zu den beeindruckendsten Bosartigkeiten, die man sich nur ausdenken kann. Es ist außerdem ein Beispiel für all das, was King unnachahmlich macht: Er schafft es, eine ganze Stadtgemeinschaft vor unseren Augen zu erschaffen. Jede Figur – ob nun Hauptdarsteller oder Lückenfüller – hat eine ausgebaute Hintergrundgeschichte und starke Motive. Das ist alles andere als selbstverständlich und würde wohl bei anderen Autoren dazu führen, dass wir uns (von der Wucht des für die Story irrelevanten Geschwafels) abwenden. Bei ihm allerdings sieht die Sache ganz anders aus. Und das sollte man erlebt haben.

      Es gibt zwei große Sorten von KING-Romanen. Diejenigen mit wenigen Darstellern, deren Grauen meist in der Bosheit einer einzigen Figur liegt. Und dann gibt es noch jene Bücher, in denen er diese Bosheit mit epischer Breite kombiniert. Carrie, The Shining und Misery sind Beispiele für ersteres. ES, Needful Things und Die Arena für das andere.

      Mit den beiden Büchern hat man also quasi den ganzen King „kennen gelernt“.

      Vielen Dank für Deine Geduld! 🙂

      lG
      Daniel

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