Diary

Bye, bye, Love! – Vom langen Abschied als Buchhändler…

Ich habe ja schon einmal über mich erzählt. Und jetzt tue ich es schon wieder. Aber da ich im Buchhandel aufhöre, möchte ich einen weiteren Teil meiner Geschichte erzählen...

Ich bin ja nicht zimperlich

In meinem Leben war ich schon viel. Nachdem ich, wie ich ja schon einmal erzählt habe, die Schule geschmissen hatte, erlebte ich eine sehr spannende Phase. Aufgestellte, rote Haare. Besoffene Fahrten zu Konzerten, an die ich mich nur ausgesprochen rudimentär erinnere. Es dauerte nicht lange, und mir wurde auch dieses Leben langweilig.

Schon mit 11 Jahren hatte ich begonnen zu programmieren. Damals war es absolut noch nicht üblich, dass jeder einen Computer zu Hause hatte; aber in dieser Hinsicht erwies sich meine Mutter als ausgesprochen prophetisch. Sie war schon 1990 davon überzeugt, dass bald niemand mehr ohne auskommen würde. Und sie behielt natürlich recht. Meine Kenntnisse verhalfen mir jedenfalls zu kleineren Gelegenheitsjobs, mit denen zwar kaum je Geld zu machen war, die aber meinen Charakter enorm geformt haben.

Um zu verstehen, was ich meine, muss man sich folgendes vor Augen halten: Ein Programmierer muss den Job derjenigen, für die er ein Programm schreibt, wirklich verstehen. Strukturiertes Denken, Deduktion – das sind unerlässliche Fähigkeiten im Kampf um möglichst hilfreiche Code-Zeilen. Wie sonst sollten zB. Buchhaltungs- oder Buchhandlungssoftware entstehen, wenn nicht durch jemanden, der die Branche in- und auswendig kennt?

Jedenfalls half mir das Programmieren zwar nicht dabei meinen Kühlschrank zu füllen, dafür aber umso mehr mein Hirn wieder zurecht zu rücken. Und so kam es, dass ich mich dazu entschloss das Beste aus meiner Situation zu machen.

Ich bin doch zimperlich

Wieder in die Schule zu gehen kam nicht in Frage. Weniger, weil ich zu stolz dafür gewesen wäre, sondern vielmehr, weil ich inzwischen eine wahre Phobie gegenüber Prüfungssituationen entwickelt hatte. Lehrer waren automatisch das Feindbild. Wer mich kennt kann sich kaum vorstellen, dass ich wirklich aggressiv werden kann, aber gegenüber Lehrern war das etwas ganz anderes.

Nach einem kurzen Ausflug in die Gastronomie (ich arbeitete in einem Restaurant mit), machte ich noch ein paar interessante Kurse im Bereich der Buchhaltung und dann … tja.

Ich wurde Soldat.

Natürlich stand das in krassem Gegensatz zu meinen „wilden Zeiten“, diese hatte ich aber inzwischen weitgehend hinter mir und durch unstrukturierte Tagesabläufe und lange Haare ersetzt. Beides wurde mir, während meiner Zeit im Grundwehrdienst, schnell abgeschnitten.

Ein Leben in Uniform hat gewisse Vorteile. Die Wahrscheinlichkeit etwa, dass einem das Gehalt einmal nicht gezahlt würde, ging etwa gegen Null. Ich hatte immer ein Bett und die Verpflegung war auch weit besser als ihr Ruf. Also blieb ich, nachdem meine Wehrpflicht erfüllt war, noch ein Weilchen. Sport war zwar nie meine Sache, vieles schaffte ich aber trotzdem. Nicht alles – aber vieles. Es ist bis heute erstaunlich, was man in so kurzer Zeit alles lernen kann. Nie wieder, in meinem ganzen Leben, habe ich derart schnell konditionell aufgebaut oder ganze Dienstvorschriften auswendig gelernt. Bis heute kann ich Passagen aus dem Heeresrecht aufsagen.

Als ich allerdings aus einem für die Ausbildung unerlässlichen Kurs geholt wurde, weil man mich am Fuß operieren musste, endete meine Zeit als Berufssoldat auch schon wieder. Vermutlich hätte ich einige der sportlichen Ziele sowieso nicht erreicht – selbst, wenn ich mich für heutige Verhältnisse wirklich außerordentlich gut geschlagen habe.

Ein Blatt Papier

Es war mir wichtig irgendwas in Händen zu halten. Wenn man die Schule abbricht, dann ist eines der größten Probleme ja bekanntlich der eklatante Mangel an Beweisen für die eigenen Fähigkeiten. Mir fehlten Dokumente, die mich von der breiten Masse der anderen Ungebildeten abhoben. Also beschloss ich, meine ohnehin schon vorhandenen Programmierkenntnisse durch einen Kurs in Zeugnisse verwandeln zu lassen und absolvierte einige ausgesprochen teure Kurse an einer angesehenen Bildungseinrichtung. Das Geld dafür kam, zu großen Teilen, aus Förderungen. Diese erhält man nämlich, wenn man als Depp gilt, sich (in Österreich – und das auch nur damals!) aber besser als ein solcher ausdrücken konnte.

Ich bestand den Kurs und verblüffte den armen Vortragenden damit, dass ich ein wirklich funktionierendes Video-Verwaltungssystem schrieb, welches (auf seinen Wunsch hin!) ausschließlich über DOS funktionierte. Anders formuliert: Es fiel mir recht leicht.

Mein damaliger Projektpartner bekam jedenfalls ein Job-Angebot. Er sollte sich um die Kunden-Software eines großen Konzerns kümmern, wobei sein Einsatzgebiet eben 83.000km² umfassen sollte. Er lehnte ab, empfahl mich aber an Ort und Stelle und verschaffte mir so einen Vorstellungstermin.

Logistisch

Ich ging hin. Ich wollte ablehnen. Meine Frau (ich hatte während meiner Zeit beim Militär geheiratet) lehnte die Ablehnung ab. Ich bekam den Job. Und ich stellte mich nicht allzu blöd an. Innerhalb von drei Jahren stieg ich soweit auf, dass ich nicht mehr nur für die Software in AT zuständig war, sondern die Abteilung für AT, HU und CH, sowie unterstützend CZ leitete. Kurz darauf bekam ich auch noch jene Abteilung dazu, die sich um die administrativen Tätigkeiten des Verkaufs in diesen Ländern kümmerte und plante unsere Verkaufstätigkeiten außerdem noch für RU mit.

Es war eine harte Zeit. Es war eine tolle Zeit. Ich schreibe das nicht um anzugeben (obwohl ich durchaus stolz darauf bin), sondern nur um erklären zu können, wie es mich dann in den Buchhandel verschlagen hat. Als nämlich die Krise 2008 begann, ging es steil bergab mit den Verkäufen. Der Konzerndruck wuchs. Nicht unbedingt auf mich persönlich, aber auf unsere Außendienstmitarbeiter. In kürzester Zeit wurde das Klima durch unangenehm unrealistische Vorstellungen seitens der amerikanischen Leitung vergiftet. Meine damalige Vorgesetzte war ein eifriger, engagierter und fachlich durchaus fähiger Mensch – aber sie hatte einige anstrengende Eigenschaften, die den Druck plötzlich vervielfachten.

Ich brach darunter zusammen und musste raus.

Das Buch als Floß

Rückblickend kann ich sagen, dass ich durchaus Glück im Unglück habe. Meine Familie besitzt mehrere (kleine und mittlere) Firmen; darunter eine Buchhandlung. Als ich mich, nach einigen Wochen lethargischen Nichts-Tun-Wollens und einer Therapie mit Psychohämmern, wieder erfangen hatte, beschloss ich das Angebot anzunehmen und mich in der Buchhandlung anstellen zu lassen.

Seither sind 6 Jahre vergangen.

Eigentlich wollte ich gar nicht so lange bleiben. Trotzdem will ich nicht verhehlen, dass ich die Zeit sehr zu schätzen weiß. Verglichen mit meinem vorigen Job ist es eine ruhige Kugel. Selbst im Weihnachtsrummel denke ich mir manchmal, dass es nicht halb so wild ist. Vor allem, weil man direkt etwas zurück bekommt, das einen für die Mühen manchmal doch entschädigt. Zwar schimpfen Menschen schneller als sie loben, aber die Tatsache, dass ich mir (vor allem im Kinderbuch- und SciFi- / Horror-Bereich) eine ganz eigene Stammkundschaft aufgebaut habe, hat mir viel gegeben.

Die Zukunft sieht (nicht) rosig aus

Jetzt ist es aber so, dass der Buchhandel angezählt ist. Ich hatte die Wahl: Entweder ich übernehme die Buchhandlung, oder ich mache noch einmal etwas neues.

Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist zu zeigen, dass ich eher der Typ für „etwas Neues“ bin. Aber ich denke, dass es  zumindest nachvollziehbar ist, wenn ich sage, dass ich lieber etwas Neues anfange. Also habe ich noch einmal die Firma gewechselt.

Im Augenblick arbeite ich als Hybrid. An einigen Tagen im Monat bin ich noch in der Buchhandlung anzutreffen, an den meisten aber in einem Betrieb für Buchhaltung und Personalverrechnung. Während ich also damit beginne meine Buchhaltungskenntnisse auszubuddeln (und aufzufrischen, ich habe natürlich einen frischen Kurs hinter mich gebracht), besuche ich ein recht langes Personalverrechnungsseminar.

Es ist noch einmal etwas völlig anderes; aber ich da ich von vornherein wusste, worauf ich mich einlasse, habe ich zumindest damit kein Problem. Hie und da kann ich jetzt schon etwas nützliches Beitragen; und es wird rasant mehr. Das muss es auch, da ich den Familienbetrieb aufrecht erhalten möchte, wenn meine Mutter (die ihn derzeit führt) in zwei Jahren endgültig in Pension / Rente geht.

Und Ihr?

Wie sieht es bei Euch aus? Habt Ihr einen glatten Lebenslauf, oder geht es Euch wie mir und Ihr wünscht ihn Euch nur manchmal? 🙂

Lasst hören!

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

11 Comments

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Dein Senf:

  • Meinen Führerschein habe ich mir mit einem Job im Baumarkt verdient, meinen ersten Rechner als Sportschuhverkäuferin. Dann Biologie studiert, danach die Ausbildung zur Buchhändlerin und jetzt in der Bibliothek gelandet. Eine gewisse Vorliebe für Jobs mit B ließe sich daraus ablesen, aber das ist eher Zufall. 😉 Um so älter man wird, um kurviger der Lebenslauf.

  • Mein Lebenslauf ist seit Kindertagen ein schwieriger. Und würde hier den Rahmen echt sprengen. Unlängst hat sich wieder mal ein heftiger Schicksalsschlag mit lautem krachen bemerkbar gemacht und mich vollends aus der Bahn geworfen. Das hat jetzt, nach all dem Kämpfen doch viel zu viel Substanz gekosten und seit 2 Wochen bin ich krankgeschrieben… Burn out. Ein wunder das es so lange gedauert hat, aber grade hab ich keine Kraft mehr zu kämpfen.

    Ich kann dich gut verstehen, das du noch mal was anderes machen möchtest. Ich wünsch dir ganz viel Energie und gutes Gelingen. Und auch viel Spass an der neuen Arbeit 😉

    Auch wenn mir natürlich mein verstand sagt das ich nur der Mensch bin weil ich all diese Erfahrungen gemacht habe, wünschte ich mir manchmal, das ich auf die ein oder andere Erfahrung verzichten hätte können.

    Herzlich,
    Alexandra

  • Gerader Lebenslauf? Ja, das sah mal so aus. Ich habe studiert (Jura), mir eine Anwaltszulassung geholt, eine Kanzlei aufgemacht und Kommunalpolitik betrieben. Dann kamen ein Hörsturz („Sie müssen Stress reduzieren“), Morbus Crohn („Sie müssen auf jeden Fall Stress reduzieren“), Stress mit der Teilhaberin und ein Angebot an meinen Liebsten, das man nicht ablehnen konnte.
    Also habe ich geheiratet, die Kanzlei aufgegeben, meine Zelte abgebrochen, bin umgezogen, habe kurz hintereinander 2 Kinder bekommen, wieder angefangen zu schreiben, soziale Medien kennen und schätzen gelernt, als Lektorin für einen Kleinverlag gearbeitet, bin noch mal umgezogen habe und – nachdem der Verlag kaum noch tätig ist, beschlossen, das, was ich schreibe auch zu publizieren. Das tue ich seit einem Jahr.
    Bisher sieht es so aus, als würde ich das noch eine Weile weiter machen.

    • Es klingt auf jeden Fall mutig. Und anstrengend.

      Self-Publishing ist ja bekanntlich nicht das Einfachste. Aber wenn ich es jemandem zutraue damit erfolgreich zu sein, dann Dir. 🙂

  • mein Lebenslauf hat so viele Ecken und Kanten, das glaub man gar nicht. Bis zur 9. Klasse war ja noch alles okay und planmäßig verlaufen, aber dann änderte es sich schlagartig. Und ich bin viel länger zur Schule gegangen, als nötig. Nicht, weil ich sitzengeblieben bin, das bin ich nur in der 9. Klasse und während meiner schulischen Ausbildung. Aber ich wusste halt mit 19, als ich endlich meinen Realschulabschluss auf einem Berufskolleg gemacht habe, noch nicht, was ich machen soll. Also habe ich weiter Schule gemacht, bis ich eine Ausbildung mit 23 bekommen habe, bei der ich aber noch in der Probezeit gekündigt wurde. Hab dann ein Jahr später eine neue begonnen und direkt im Anschluss mein Abitur nachgeholt. Das habe ich letztes Jahr gemacht und ich bin jetzt 31 und studiere endlich. Allerdings werde ich das Fach wechseln.

    Du bist nicht allein mit deinem Lebenslauf.

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