Comic

ASH: Austrian Superheroes #1 – Superhelden aus Wien

Ein Comic aus Österreich. Kann das funktionieren? Captain Austria, Donauweibchen, Lady Heumarkt und der Bürokrat treten den Beweis an.

Zu diesem Artikel gibt es auch ein Video von mir auf YouTube.

Bunte Superhelden und Lokalkolorit

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Ich war ja immer der Meinung, dass Europa mehr Superhelden benötigt. Gerade in Zeiten wie diesen sollten wir uns von den großen amerikanischen Comic-Verlagen emanzipieren. Natürlich ist das nicht so einfach – und das nicht nur, weil aller Anfang schwer ist. „ASH“ ist ein erster Versuch der heimischen Szene einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Bevor ich aber Anfange die erste Ausgabe ein wenig eingehender zu besprechen möchte ich darauf hinweisen, dass ich in Sachen Superhelden-Comics ein schwieriger Kunde bin. Mir können solche nämlich kaum düster genug sein. Ich bevorzuge Batman gegenüber Superman, bin ein großer Fan der Watchmen und lese am Liebsten jene Sorte Bildheftchen, die recht viel schwarze Farbe benötigen.

Jetzt, wo wir das geklärt haben, könnt Ihr selbst besser beurteilen wie Ihr meine Rezension interpretieren sollt. 😀

Handlung

In Wien treibt ein Frauenmörder sein Unwesen. Immer wieder werden junge Wienerinnen auf dem Nachhauseweg angegriffen. Was die Polizei völlig überfordert ruft ihn auf den Plan: Captain Austria. Junior.

Sofort macht er sich auf die Suche nach dem Unhold, muss aber bald feststellen, dass auch er diesem nicht gewachsen ist. Zumindest nicht alleine. Also macht er sich auf die Suche nach Verbündeten, die er alsbald in DonauweibchenLady Heumarkt und dem Bürokrat findet. Gemeinsam machen sie sich in das Wien einer parallelen Welt auf, in der Superhelden Europa genauso bevölkern wie sonst nur die Vereinigten Staaten. Doch ihr Gegner ist mindestens so verwurzelt in der Stadt wie die Silbe ‚Ur‘.

Der Grundton

Etwas, unter dem beinahe alle österreichischen Produktionen leiden, ist die Fernsehserie „Kottan ermittelt“, die 1976 über die heimischen Bildschirme flimmerte. Damit will ich nicht sagen, dass die Serie schlecht war. Überhaupt nicht. Es handelte sich dabei um eine Art gefilmter „Wiener Schmäh“ – also jene Art selbstironischen Humors, der Wiener von vielen anderen urbanen und ruralen Gruppen unterscheidet.

Das „Schlechte“ an Kottan ist allerdings, dass seit seiner Erschaffung jede österreichische Produktion glaubt witzig sein zu müssen. So auch ASH. Bevor jetzt jemand glaubt, dass das den Comic zerstört hat möchte ich allerdings sagen, dass es gelungen ist diesen Witz zu transportieren. Ich mag es nur nicht besonders. Aber das hab‘ ich ja schon oben geschrieben, also: Deal with it. 😀

Bunte Superhelden. Sehr bunt.

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Rot-Weiß-Rot – dankbare Heldenfarben?

Im Gegensatz zu vielen amerikanischen Produktionen ist das Cover der ersten Ausgabe bereits im Stil des eigentlichen Comics gehalten. Schon auf den ersten Blick hat man so einen brauchbaren Eindruck davon, was einen im Inneren des Heftes erwartet. Porträtiert sind darauf jedenfalls jene vier Helden, die uns auf den kommenden Seiten durch das soeben neu entstandene Parallel-Wien des ASH-Universums führen werden: Captain Austria (Bild), Donauweibchen, Lady Heumarkt und der Bürokrat.

Was mir gleich zu Beginn aufgefallen ist, waren die kräftigen, fröhlichen Farben und die starken Konturen. Die Colorierung eines Comics ist ein starkes Instrument – ein und dieselbe Zeichnung kann allein durch die benutzten Farben unterschiedliche Stimmungen ausdrücken. ASH vermittelt also einen ausgesprochen ‚poppigen‘ Zugang, wobei (erfolgreich) darauf geachtet wurde, dass jedem Helden eine passende Farbpalette verpasst wurde. So sind sie sofort als eigenständige Charaktere erkennbar und optisch einzigartig gehalten.

Blättert man sich durch das Heft, so wird ein weiteres Detail recht schnell sichtbar: der Mangel an selbigem. Also … Detail. Die einzelnen Zeichnungen weisen zum Beispiel kaum je Texturen auf. Ist Captain Austrias Kostüm aus Spandex oder Teflon? Der Boden weich oder nur uneben? Man kann es beinahe nicht erkennen. Ein großer Mangel des Comics – abseits meiner Wünsche für die Farben nämlich…

Was die Anordnung der Panels anlangt wäre übrigens weit mehr drinnen gewesen – das Design wirkt ausgesprochen konservativ, manchmal beinahe einfallslos. Zusammen mit den knalligen Farben ist das vielleicht der größte Fehler in Sachen Optik.

Ja wie nennen wir sie denn?

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Zivil ‚Diana‘ – im Dienst ‚Donauweibchen‘

Ein zweiter Punkt, und dieser ist mein einzig echter Kritikpunkt, ist die Namensgebung. Hier hätte man sich wirklich besseres einfallen lassen können. Als nicht-FPÖ-wählender und keinesfalls Fußball-affiner Wiener bin ich nur in den seltensten Fällen von zur-Schau-gestelltem Patriotismus begeistert. Und einen Helden in knall-rot-weiß-rot zu packen ist aus meiner Perspektive eine etwas überzeichnete Angelegenheit; ihn aber auch noch ‚Captain Austria‘ zu nennen geht mir dann endgültig einen Schritt zu weit.

Natürlich bin ich nicht der Erste, der das bemängelt – und weiß von den Antworten anderer Leser daher, dass es mit diesem Namen angeblich noch eine besondere Bewandtnis hat. Gut, will ich einmal hinnehmen – auch, wenn ich nicht gerade viele Gründe kenne, die diesen Mangel aufheben könnten. Für mich jedenfalls.

Außerdem kamen mir die Namen anderer Superhelden nicht minder merkwürdig vor. Donauweibchen (Bild). Da hätte man vielleicht ein wenig tiefer graben können um einen passenderen Namen zu finden. Vielleicht ‚Danu‘ – das indogermanische Wurzelwort für „Fluss“. Oder so. Aber ‚Weibchen‘ finde ich eher unpassend weil in unseren Breiten allenfalls für Tiere benutzt. Dass es sich bei der Figur dabei um die Gestalt aus der Sage handelt tut dem keinen Abbruch; das hätte man schon verbauen können.

„Münchner Kindel“, im Comic selbst kurz als ein Mitglied der „Liga deutscher Helden“ erwähnt, ist übrigens noch schlimmer.

Die Wahl der Gegner

Kommen wir also zu etwas ganz anderem: Die Wahl der Schurken. Mit einem Basilisken haben die Schöpfer von ASH sich ein lokal verankertes Fabelwesen ausgesucht. Das fand ich sensationell. Ein Basilisk ist in den Fabeln Wiens eine wichtige Figur; sie bietet also nicht nur die Möglichkeit stimmiges Lokalkolorit einzubauen, sondern auch sich von anderen Comic-Geschichten abzuheben. Wer auch immer den Einfall hatte, dem möchte man auf die Schulter klopfen.

Und falls es derselbe gewesen sein sollte, der sich die Namen der Figuren ausgedacht hat, ist er beinahe rehabilitiert. 😉

Die Sprache

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Hulk ois Weana. Eh kloa.

Was Sprache anlangt ist Wien ein hartes Pflaster. Und das nicht nur für Nordsee-Anrainer, sondern vor allem für alle, die Texte so klingen lassen wollen als stammten sie aus Wien. Das hat mehrere Gründe. Zunächst verliert Wien mit rasender Geschwindigkeit seinen Dialekt. Zwischen den Generationen sind oft unglaubliche Unterschiede im Vokabular festzustellen. Was früher „Paradeiser“ hieß, kennen Kinder nur mehr als Tomate; das Idiom selbst ändert sich und die Aussprache einzelner Wörter gleicht sich dem Norden an.

Ein anderer Grund ist, dass die soziale Schicht, der ein Sprecher entstammt, zumeist deutlich zu hören ist. Besonders ausgeprägter Dialekt wird mit Nähe zur Unterschicht und oft geringem Intellekt assoziiert (Sofern der Sprecher nicht bereits fortgeschrittenen Alters ist, übrigens. Nicht gerade easy…).

Das stellt Schriftsteller (und Comic-Texter) vor die schwierige Aufgabe die Sprache der einzelnen Figuren sorgsam an deren Alter und soziale Schicht anzupassen. Und das ist in diesem Heft wirklich ausgesprochen gut gelungen. Ob es Absicht war oder Intuition weiß ich natürlich nicht – funktioniert hat es jedenfalls blendend. Dafür Hut ab! Ur-gut gemeistert. 😀

Wer nicht versteht wovon ich spreche, der soll sich den sprachlichen Unterschied zwischen Cpt Austria und Lady Heumarkt (Bild) ansehen.

Die Story

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Ich könnte schwören diesen Beamten schon gesehen zu haben…

Der Plot ist durchaus gelungen. In einem Erstling stehen Künstler ja stets vor der furchtbaren Aufgabe Figuren einzuführen. Schreibe ich „Spiderman“ ist jedem sofort klar über welche Fähigkeiten der New-Yorker-Netzschwinger verfügt. Eine Story glaubhaft zu erzählen ist dadurch wesentlich einfacher.

Hier haben ASH – bedenkt man wie wenig Platz in so einem Comic-Heft ist – tolle Arbeit geleistet. Auch (oder vielmehr: besonders) wenn man die Unterschiede zwischen den Charakteren bedenkt: Cpt Austria ist ein Techniker wie Batman, das Donauweibchen entstammt der magischen Welt wie Dr Strange, Lady Heumarkt ist ein Strahlen-Opfer wie Hulk und der Bürokrat (Bild) ist … ja tatsächlich der authentischste Wiener in der Runde. 😀

Derart diversiviziert vorzugehen erfordert Können. Ehrlich. Alle Handlungen wirken ausgesprochen glaubwürdig – ich finde das beeindruckend.

Fazit

Ich bin ein großer Fan und nähme es persönlich, würde man die Serie vorzeitig absetzen oder nach ihrem Ende nicht in der einen oder anderen Form weitermachen. Ein gelungener Auftakt mit viel Potenzial. Darüber hinaus würde ich mich sehr freuen, wenn ASH nicht die einzige Reihe der Macher bliebe. Ich sehe jede Menge Kreativität, Talent und Hintergrundwissen; es wäre eine Schande, bliebe es ungenutzt.

Beim nächsten Mal würde ich mir allerdings einen ernsteren Zugang zum Thema wünschen. Gerade Wien bietet sensationelle Möglichkeiten ein wenig moderne Düsternis in einen Comic zu gießen. DRAMA, BABY!

About the author

DerSinn

Sinn ist Vater zweier Kinder, Buchhändler und jemand, der nicht gern von sich selbst in der dritten Person schreibt. Manchmal muss er das aber - und dann versucht er sich in eine Art Subtext zu retten, den nicht alle immer gut verstehen.

Viel Erfolg in der kommenden Zombie-Apokalypse! Wer meinen (einschlägigen) Buchempfehlungen folgt, der hat Chancen. Allen anderen kann ich nur empfehlen als Zeichen des Widerstands wenigstens nicht lecker zu schmecken. :)

2 Comments

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Dein Senf:

  • … als einer der mitzeichner der serie (heft III) muss ich sagen: exzellent geschrieben & diagnostiziert. chapeau!
    nur zu captain austria: dessen zur schau gestellter „patriotismus“ hat natürlich einerseits einen story-background und ist mit augenzwinkern und ganz sicher nicht als hinwendung zur FPÖ zu verstehen. aber das könnte dir der ideengeber & autor, harald havas, besser erklären als ich.

    • Freut mich, zukünftige ASH-Prominenz auf meinem kleinen Blog begrüßen zu dürfen. 😀

      Was den Captain anlangt warte ich gerne auch gespannt auf die Enthüllung der Background-Story – und ich habe das keinesfalls als politische Botschaft aufgefasst. Dazu ist es ja auch viel zu gut gezeichnet*. 😉


      *) Wir erinnern uns mit Schaudern an die HC-Comics von 2009. Brrr.

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